Gabrazzinis Literatur

    • Ein Herbstgewitter
      Ein surreal lyrisches Drama

      Ein Einsiedler Namens Tartan bricht sich auf der Jagd nach einem Wolf der ihm die Beute streitig macht das Bein. Der Schmerz zwingt ihn zur Ruhe, zur Rast und zur Rationierung seiner Vorräte. Ein schlimmes Unglück im Herbst, vor dem noch kälteren Winter. Er konzentriert sich darauf zu fischen um nicht untätig auf den Schnee warten zu müssen. Die Tage legen Nebel über das glasklaren Wasser und der Mond verwandelt ihn Nachts in geisterhafte Wellen. Eines Morgens entdeckt er am anderen Ufer undeutlich eine Gestalt im weißen Kleid. Er glaubt, es wäre eine Frau, ruft und erreicht sie doch nicht. Immer mal erlaubt das Wetter ihm in den folgenden Wochen einen Blick auf die Gestalt. Der Einsiedler beschließt ihr kleine geschnitzte Schalenboote mit Nachrichten zu senden, baut Segel aus Fetzen, Lumpen und Ästen und beginnt sich im Monolog mit der Fremden mit ihr anzufreunden. In den Schreiben erzählt er von seinem Leben in den Wäldern, von Einsamkeit und letztlich von der Furcht allein zu sterben. Am Ende beschließt er unter Schmerzen ihre Antworten einzufordern, wandert bei den ersten fallenden Flocken mit einem Stützstock los und erreicht das andere Ufer entkräftet und dem Tode nahe. Die Boote liegen brach im Schilf und Tartan muss bitter erkennen, dass die Fremde nur das im Herbststurm herbei gewehte Tuch einer Wagenüberdachung war. Ein ausrangiertes, lebloses Objekt, das der Witterung ausgesetzt bald nicht mehr sein wird. Wie er.

      Ein Herbstgewitter zeugt vom Monolog eines einsamen Mannes, der keinen Schritt in eine neue, andere Welt wagt. Dies symbolisiert der Autor mit dem gebrochenen Bein, den Nebeln, die den Weitblick schwächen und dem Missverstehen der Welt an anderen Orten, bis dieser zu spät erkennt, was es bedeutet zu lange gewartet zu haben. Die Briefe an die Frau in Weiß sind Gedichte, auch wenn die einfache Figur Tartan nie dazu in der Lage wäre sie zu verfassen. Sie stehen für Gedanken, die nie wahren Worten gleichen.
    • Der Klang der Dunkelheit
      Ein Historiendrama in zwei Akten

      Das Buch teilt mit dem Leser die Geschichte von vier Kindern. Der kluge Medwyn, der etwas grobe Cadarn, die schüchterne Braith und die aufgeweckte, strahlende Gladys. Im verschlafenen Kornheim, ein fiktives Dorf nahe Heidel herrscht Frieden, auch wenn in der Ferne donnerndes Schwarzpulver des Nachts den Horizont erhellt. Cadarn träumt davon ein Soldat zu werden, während Medwyn und Gladys davon nichts wissen wollen. Braith leidet unter Schlaflosigkeit und Alpträumen, die sie kindlich als böses Vorzeichen betrachtet und sorgt sich vor dem, was da kommen mag. An einem schicksalhaften Morgen tauchen unerwartet Soldaten auf, nisten sich ein und befestigen eine Verteidigungslinie an der alten, ausgedienten Mühle, die bis dahin als Versteck der Viererbande diente. Die Taverne wird eingenommen, schreckliche Dinge geschehen hinter verschlossenen Türen ferner des Verstandes eines jungen Menschen und schlussendlich nähert sich der Feind aus dem Westen mit großen Schritten. Cadarn fürchtet um sein Leben, Gladys muss sich im Keller von Medwyns Familie verstecken, nachdem dieser sie vor den schmierigen Händen eines betrunkenen Hauptmannes bewahrt hatte und Braith entdeckt ihren Mut, als die Linie durchbrochen wird und rettet ihre Freunde aus dem brennenden Heim von Cadarns Familie.

      Bis zur Mitte des Buches erzählt Gabrazzini in kindlichen Facetten vom Alltag, von Problemen, die nur Kinder haben und vom Märchen von Helden und Legenden. Dann verwandelt sich die Erzählung in einen Lauf zwischen Wunschtraum, der Wahrheit über den Krieg und dem Wahnsinn des Zusammenbruchs einer heilen, kleinen Gemeinschaft in der kein Name vor dem Mitgefühl des Lesers verschont bleibt. Dabei liest es sich mehr und mehr, als sei dem Autor jeder Protagonist mehr und mehr gleich. Die Emotionen schwinden und der Leser ist selbst daran, zu bestimmen.
    • Dein Blaues Meer
      Ein romantisch poetisches Drama

      Leseprobe:

      “Weshalb deine Trauer um die Kronen jedes Strauches? Du hast hunderte, nein tausende hier stehen und jeden Sommer blüht der Garten wie ein Meer aus roten Blüten, in dem der warme Sommerwind Wellen schlägt. Wiegend, nicht welk. Ich könnte ihnen Stund' um Stund' zusehen und vermisse keine Knospe, die sich mir entzogen,” erklärte Maurice in seinem immerwährend stolzem Ton der unterschwelligen Rücksichtslosigkeit. Jestine sah ihn zweifelnd an, blieb stehen und entzog ihm ihre Hand. Eben noch schmachtend und voller Hingabe, nun spottend, dieser dreiste Schuft. “Weil keiner wertvoller ist, als ein anderer,” war ihre Antwort. Maurice schnaufte überheblich, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was ihr all dies bedeutete. “Oh doch”, stellte er fest. “Die einen nur mehr ein Häufchen Elend vor meinen Aug', die anderen ganz mein Fall. Offen, erhaben und schimmernd in aller Pracht, geboren aus...” Weiter kam er nicht, als ihm Jestine ins Wort fuhr. “Geboren aus dem Samen älterer Büsche, die sich hier nicht mehr finden. Einst brachte man mir nur einen Strauch und dieser war so schön wie alle.” Jestine wandte sich ab und ging wenige Schritte weit um die Sägezahnblätter der prachtvollen Windtänzer zu berühren, während sie Maurice belehrte. “Als die tauschimmernd roten Blätter gefallen, wollte ich sie unbewandert in der Zucht vergessen und war empört um ihre Kurzlebigkeit. Ich war dem Wind gar bös' weil er mutwillig herab riss, was den Halt gelockert hatte. Unkraut wucherte auf dem eigenen Grab des Entschwindens, bis mir das, was von den Kronen strahlend übrig war in die Hand fiel.” Spitze Finger zupften eine Kapsel vom Stiel und betteten sie im blauen Samt der Handschuhe Jestines. Maurice schüttelte die Locken. “So schön wie Zapfen von immergrünen Tannen. Lass dir doch den Wald in den Garten wachsen,” scherzte er ohne Jestine von ihren Gedanken fort führen zu können. “Maurice, lass mich aussprechen,” wurde er von ihr ermahnt, “Glaubst du denn, all dies, was ich heute hier bewundern darf, wäre ohne die Saat der ersten Rosenblüten wie es nun ist? Ich pflanzte sie in lockere Erde und wartete den kalten Winter meiner Trauer um die ersten Knospen lang, bis zarte Pflänzlein ihre Stiele reckten und der Lohn meines Trübsinns waren viele, viele weitere Blüten bis zum Jahre jetzt, wenn wir in einem Meer davon stehen, wiegend im Wind, Stund' um Stund.” Maurice verstummte mit schmalen Lippen und fahler Miene, hatte ihr Feingeist seinen Witz doch überlebt. “Und warum weinst du gern um sie, liebste Jestine?” Das Samt am schlanken Zeigefinger grub eine Kuhle und die Hand ließ die Kapsel hinein fallen, bevor sie Maurice über die Schulter hinfort ansah, aufwärts gegen die sinkende Sonne. “Weil jede Träne neue Wurzeln nährt und die Spur auf meiner Wange im Wind erhitzte Wut kühlt, wenn andere Blüten darin tanzen, weil sie vom Verlust nichts wissen. Mein erstes Geschenk der Reue und der Wertschätzung an die Kinder derer, die im Sturm den wir Wind nennen verdorrten, damit mein Garten, meine kleine Welt erblüht.”

      Das romantische Werk über Schmerz, Liebe voller Klischees und ein Ende ohne Glück schließt mit den Worten des Autors ab: "Das alles habe ich gesehen. Und ich weiß nicht, ob es wahr gewesen ist."
    • Aethis von Beringhaus
      Der einzige komödiantische Roman

      Der bereits ergraute Besitzer einer großen Schiffswerft in Epheria hat nicht viel zu lachen. Seine Frau treibt ihn ständig aus dem Haus, die Tochter Ginevra ist damit beschäftigt Hirngespinsten vom Leben als Autorin nachzueifern und jetzt fordern seine Arbeiter auch noch eine höhere Bezahlung für das schwere Tagwerk. Nur einer fällt Aethis dabei nicht auf die Nerven. Der gerade erwachsen gewordene Meesha mit Wurzeln in Mediah. Der junge Mann erledigt nicht nur seine Aufgaben als Bote und klärt die Angelegenheiten mit der Hafenverwaltung, sondern bemüht sich für Aethis auch um den besten Tee. Die Einkäufe, die der alte von Beringhaus nicht mehr schafft gehen Meesha leicht von der Hand und er ist der beste Zuhörer, wenn es um die Geschichte vom verarmten Adel auf dem Weg zum Schiffbaugiganten geht. Als Aethis jedoch Meeshas Wunsch nach einer Frau an dessen Seite zu erahnen glaubt, beginnt der Adelsmann vermeintliche Zufälle zu inszenieren um Meesha unter anderem mit der Kräuterhändlerin Aliss, der Heilstubenleiterin Tamra und der Thekenmaid Carlyn bekannt zu machen. Was er zu spät bemerkt: Seine bezaubernde, aber schüchterne Ginevra hat ein furchtbar verliebtes Auge auf Meesha geworfen. Und jetzt hat Aethis alle Hände voll zu tun um gegenteilig alles einzufädeln, damit die ganzen Damenriege dem dunkelhäutigem Sympath nicht mehr hinterher läuft um seiner damit unglücklichen Tochter einen großen Gefallen zu erweisen.

      In diesem Buch beweist Gabrazzini ein ungewöhnliches Gespür für Herzlichkeit. Der wohl lockerste und unterhaltsamste Roman, frei von belastender Tiefgründigkeit war eine Maßnahme um auch jene an seine Werke zu verweisen, die mit Schwermut oder Geschichte nicht viel anfangen können, mutmaßt man. Heraus kam eine ziemlich verwirrende, aber romantische Geschichte in deren Hauptrolle nicht das zuletzt verheiratete Paar, sondern der erst mit dem Leben überforderte, dann glückliche Vater einer Tochter steht. Irgend etwas vermittelt den Kennern von Gabrazzinis Werken den Eindruck, ein Einfluss von fremder Hand hat sich eingeschlichen. Dabei ist die Ausdrucksweise altbekannt.
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