Vom Labyrinth der Lichter

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  • "Die meisten von uns Sterblichen lernen ihr wirkliches Schicksal nie kennen; wir werden ganz einfach von ihm überrollt.
    Wenn wir dann den Kopf heben und sehen, wie es sich auf der Straße entfernt, ist es schon zu spät, und den Rest des
    Weges müssen wir im Straßengraben dessen zurücklegen, was unsere Bestimmung gewesen sein könnte. Die Hoffnung
    ist nichts weiter als der Glaube, dass dieser Moment noch nicht gekommen ist, dass es uns gelingt, unser wirkliches
    Schicksal zu sehen, wenn es heranrückt. Dass wir die Chance ergreifen, wir selbst zu werden, statt dazu verdammt
    zu sein, leer zu leben und uns nach dem zu sehnen, was hätte sein müssen ... und nie war."

    (Alice und die Scharlachkönigin, fünftes Kapitel, "Schicksal")

    ***

    Die blaue, schattige Morgendämmerung des calpheonischen Spätsommers setzte ein, die einen der herannahenden Kälte trotzen lässt und zu ziellosem Flanieren auf dem hellen Kopfsteinpflaster des Adelsviertels einlud.
    Eine samtene Sonne überzog die Straßen mit Unschuld. Lavellan betrat das Amtsbüro am Kathedralplatz nach vorgenommener Frühmesse, in dem sicheren Wissen, dass sie Damaris bereits an ihrem Schreibtisch antreffen
    würde, fast so, als hätte sie ihren Platz am Abend zuvor nicht verlassen. Und manchmal, so dachte die Erzpriesterin bei sich, als sie durch die schwere Eichentür ins Innere trat, blieb sie wohl tatsächlich auch über Nacht.
    Die blonde Inquisitorin hob, wie jeden Morgen, den Kopf, als Lavellan eintrat, aber anstatt sich wie üblich dann wieder ihrer Arbeit zu widmen, starrte sie sie einige Atemzüge lang an, verfolgte die rotgewandete Gestalt
    mit einem langen Blick zu ihrem Schreibtisch. Ganz offensichtlich irritierte sie der Anblick des Tontopfes mit den Setzlingen der Delotia derart, dass sie den Federkiel zurück in seine Halterung hakte und die blassen
    Fingerspitzen aneinander lehnte. Abwartend.
    "Ich habe einige deiner Vorlieben noch nie wirklich begriffen, Lavellan. Nun sind wir zu Küchenkräutern übergegangen?"
    "Gefallen sie dir?"
    Lavellan kam zu Damaris hinüber und stellte den Tontopf mit den Setzlingen seitlich auf ihren Schreibtisch ab.
    "Nein. Ganz im Gegenteil, mir sträuben sich die Haare."
    Die Inquisitorin sah von den Setzlingen zu Lavellan auf, als könne sie eine Sünde wittern, ehe sie überhaupt gedacht wurde, und die Buße mit einem schlichten Blinzeln verabreichen. Wortlos trat Lavellan an das Fenster
    zu Damaris linker Seite und öffnete die Vorhänge, sodass helles Morgenlicht in das Büro hinein regnete und die grünen Blätter der Setzlinge begoss. Während Damaris' Haar wie Blattgold aufleuchtete, blieb ihr Gesicht
    in der Dunkelheit, ein Wesen aus Licht und Schatten, ganz wie Calpheon selbst.
    "Sie wurden mir von der Familie Deveroux geschenkt."
    Damaris begutachtete den ausgeworfenen Köder. Sie schürzte minimal die Lippen, auch wenn ihr Blick einen lauernden, frostigen Ausdruck angenommen hatte.
    "Ist das so. Wie ...nett. Vom Baron? Hat er ... "
    "Von seiner Base."
    "Und was wollte sie dafür von dir? Absolution für alle zukünftigen Sünden, die sie ohne Zweifel begehen wird? Ich bin noch nicht ganz sicher, ob sie sich im Spiegel sehen kann. Ist die Pflanze zufällig giftig?"
    "Damaris. Das sind Delotia-Setzlinge. Ich habe dir davon erzählt."
    Lavellan kam zum Schreibtisch der Inquisitorin zurück und sah jetzt von Damaris Gesicht über ihren Arbeitsplatz, tadellos aufgeräumt, mittig ein aufgeschlagenes Buch, zu dem die Inquisitorin offenbar Notizen begonnen hatte.
    Neben dem Buch lagen weitere Unterlagen und unter dem Stapel des Briefverkehrs entdeckte Lavellan ein Schreiben, dessen Handschrift sie mittlerweile direkt erkannte. Damaris' frostiges Lächeln verstärkte sich, wurde kalt
    wie Stahl und als sie Lavellans Blick bemerkte, schob sie ohne ein weiteres Wort und ohne sie aus den Augen zu lassen, geflissentlich eine andere Seite Pergament über den Brief, sodass die Erzpriesterin kein Wort von dem
    entziffern konnte, was Sinding geschrieben hatte.
    Lavellan räusperte sich.
    "Ist das das Buch, was du sichergestellt hast? Bei der Frau, die das Kind entführt hat?"
    "Ja." Damaris klappte das Buch zu; es umfasste schätzungsweise zweihundert Seiten und war in schwarzes Leder gebunden. Auf dem Titelblatt und dem Rücken stand kein Titel. Das einzige Merkmal war auf der Vorderseite,
    ein goldgeprägtes Bild in Form einer Spirale. Die Prägung schuf eine Art optische Täuschung, so dass der Betrachter, wenn er das Buch in der Hand hielt, eine Wendeltreppe zu sehen glaubte, die in das Buch hinein führte.
    Als Lavellan danach griff, insistierte Damaris nicht und als sie es aufschlug, sah sie drei unbedruckte Seiten, mit je einer Federzeichnung von einer Schachfigur; einem Läufer, einem Bauern und einer Königin. Die Augen
    der Königin waren schwarz mit vertikalen Pupillen, wie bei einem Reptil. Lavellan blätterte um und stieß auf eine Seite mit dem Titel des Buches.

    "Das Labyrinth der Lichter II - Alice und die Scharlachkönigin"

    Unter dem Titel folgte über zwei Seiten eine weitere erlesene, schwarze Federzeichnung. Das Bild zeigte eine geisterhaft aussehende Stadt, wo die Häuser ein Gesicht hatten und die Wolken sich wie Schlangen zwischen den
    Dächern dahin zogen. In den Straßen erhoben sich große Holzfeuer und Rauchsäulen, und von einer Bergspitze schaute ein flammendes Elionskreuz auf die Stadt herab. Lavellan erkannte in der Zeichnung die Physiognomie
    Calpheons. Aber eines andersartigen Calpheons, einer in eine Art Alptraum verwandelten und durch die Augen eines Kindes gesehen Stadt. Sie blätterte weiter und hielt bei der Illustration inne, auf der die Kathedrale zu sehen
    war. Auf der Zeichnung schien das Gotteshaus aber zum Leben erweckt und schleppte sich wie ein Drache dahin, die Türme wellten sich dem Schwefelhimmel entgegen und endeten in feuerspeienden Köpfen.
    "Hast du so etwas schon einmal gesehen?", fragte sie leise.
    Damaris schüttelte langsam den Kopf. Sie streckte eine Hand aus und berührte geistesabwesend ein grünes Blatt des kräftigsten Setzlings mit den Fingerspitzen, während Lavellan sich wagte, einige Momente länger in dem
    fremdartigen Universum, das diese Seiten heraufbeschworen, zu versinken. Bilder eines Wanderzirkus voller lichtscheuer Geschöpfe, eines unendlichen Friedhofs, der sich in einem Schwarm von Mausoleen und Seelen erhob
    und durch die Wolken hindurch zum Himmel emporstieg, die Überreste eines Schiffswracks aus dessen Bauch eine Flut von Leichen an die Ufer des Demi gespült worden war. Und herrschend in diesem phantasmagorischen
    Calpheon, aus der Höhe des Kuppelgewölbes der Kathedrale die dichtgedrängten Straßen zu ihren Füßen betrachtend, eine Gestalt in ein im Wind flatterndes Gewand gehüllt, mit dem Gesicht eines Engels und den Augen
    eines Raubtieres. Die Scharlachkönigin. Lavellan klappte das Buch zu, beunruhigt von der seltsamen, ungeheuerlichen Kraft der Bilder und Worte.
    "Es ist eigentlich ein Kindermärchen.", begann Damaris nun und nahm ihr das Buch wieder ab. "Oder viel eher die perverse Karikatur dessen. Alice fällt durch ein Kaninchenloch in eine verzerrte, verrückte Welt. Es ist ein
    Sammlerstück und ein verbotenes Buch, nicht nur durch die Regierung sondern auch durch unsere Heilige Kirche. Ich habe seit mindestens 10 Jahren kein Exemplar der Labyrinth-Bücher gesehen. Und jetzt finde ich eines
    in den dreckigen Lumpen dieser Hexe." Und weil Lavellan schwieg und ihr weiterhin zuhörte, fuhr Damaris fort: "Soviel ich weiß ist in Calpheon in den ersten Jahren nach dem großen Krieg die Serie "Das Labyrinth der Lichter"
    erschienen. Über den Autor weiß niemand etwas zu berichten. Es gibt insgesamt vier Bücher, ich habe damals die erste Folge gelesen: Alice und die versunkene Kathedrale. Jedes Buch ist mitunter mit unheilvollen Beschwörungszaubern versehen."
    "Macht die Formulierung des Labyrinths der Lichter irgendeinen Sinn für dich?"
    Damaris neigte den Kopf zur Seite.
    "Nun, das Labyrinth ist die Stadt."
    "Calpheon."
    "Das andere Calpheon. Das aus den Büchern."
    "Eine Art ... Hölle. Ein Spiegel der Realität."
    "Was auch immer."
    "Und diese Alice? Wer ist sie?"
    "Die Hauptperson in allen Romanen der Serie. Eine Spiegelung einer jungen Elionsakolythin. Für sie wurde das Schreckenscalpheon erfunden, höllisch und ein Alptraum. Mit jedem Buch wird das Szenario schrecklicher und es spielt
    ebenso oder noch mehr eine Hauptrolle wie Alice, und die skurrilen Figuren, die sie bei ihren Abenteuer kennen lernt, selbst." Damaris rollte flüchtig die Lippen ein. "Der letzte, bekannt gewordene Band, Alice und die Armee der Unterwelt,
    spricht angeblich davon, wie die belagerte Stadt schließlich von Dämonen eingenommen wird, und verglichen mit dem daraus folgenden Gemetzel an den Priestern der Kirche, verblasst selbst die Eroberung Heidels zu einem Nebenschauplatz.
    Es beinhaltet neben anschaulichen Federzeichnungen angeblich auch die Anleitung zur Schaffung einer solchen Armee."
    "Gibt es die anderen Bänder irgendwo noch? Glaubst du, du kannst sie finden?"
    Damaris lehnte sich in ihrem Sessel zurück und seufzte kurz. Dann schüttelte sie den Kopf.
    "Das erscheint mir schwierig. Allerdings hat jemand angeblich vor 5 oder 6 Jahren zuunterst in einer Kiste des Bücherantiquariats "Leviathan" hier in der Stadt zwei oder drei Exemplare von den Bänden des Labyrinths gefunden. Ich hatte meine
    Ermittler darauf angesetzt aber die Bücher sind für ein Vermögen auf dem Schwarzmarkt verschwunden. Auch heutzutage ist die einzige Möglichkeit, weitere Bände zu finden, wohl dieses ärgerliche Antiquariat im Marktviertel. Ich gehe davon aus,
    dass auch die Hexe das Buch aus dieser Quelle bezogen hat."
    "Also wirst du mit ihm sprechen? Dem Inhaber?"
    Jetzt lächelte Damaris maliziös. "Vielleicht schicke ich Calissia. Soweit ich weiß findet er für eine gutaussehende Frau immer Zeit. Sie soll sich hübsch machen."
    "Calpheon sieht einem vieles nach, aber niemals schlechten Geschmack."
    "Amen. Und jetzt, wo du dieses grässliche Gewächs schon auf meinen Schreibtisch platziert hast, sag mir lieber, wie wir es am Leben erhalten. Denn das gehört weiß Elion nicht zu meinem Fachgebiet!"
    BERNSTEIN
    Eine Heimat für Rollenspieler

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Kommentare 1

  • Sappho -

    . . . . <3 !