Ein Gott und eine Elfe

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Eloen beendete ihr Gemälde mit einem letzten, kleinen Tupfer auf das Grün der Augen, welche sie noch immer so klar in Erinnerung behielt, als wäre die Besitzerin dieser Augen direkt vor ihr, in diesem Moment. Nun brauchte die Leinwand Zeit zum trocknen, da Eloen bevorzugt mit Öl zeichnete. So erhob sich die lange Elfe, nahm einen Schritt Abstand von ihrem Werk und betrachtete es kritisch. Es ist deutlich höher als breiter, damit jedes Detail der Elfe, welche in der Erinnerung Eloens rumschwirrte, genaustens eingefangen werden konnte. Es zeigte eine ebenfalls lange Elfe mit weniger Kurven als Eloen selbst, nackt gezeichnet. Sie stand vor einem Meer aus Blut und Tränen, ihr Rücken dem Schauenden zugedreht. Ihre roten, langen Haare zu einem Zopf gebunden, den Kopf zur Seite gedreht, damit sie sehen konnte, wer sie in diesem Moment bestaunt. Wie auch Eloen ist ihre Haut blass. Und obwohl man ihr Gesicht nur zur Hälfte sehen konnte, ist es perfekt eingefangen, dachte Eloen stolz.
    Ihr grünes Auge ohne Pupille leuchtete, sie schaute direkt zum Betrachter, aber jeder konnte erkennen, wie fern der Blick war. Sie ist geistig abwesend, verloren in der dunklen Welt der Gedanken. Ihre dünne Lippen eine gerade, emotionslose Linie, ihre Brauen ebenso. Die langen Ohren ragten unter den wild gewordenen Haaren, die sich gegen den Zopf wehrten, hervor. In den beiden Händen der Elfe befanden sich Blitze in schwarz und lila. Eloen weiß genau, wie das Bild auf viele wirken wird: Eine Unheilsbringerin. Eloen weiß aber genau so gut, wie sehr die Elfe leidet. Jemand, der bereits gestorben ist, der sollte nicht mehr zurückgeholt werden. Und dennoch hat Eloen es getan. Sie redete sich immer ein, sie wollte sehen, ob sie das überhaupt kann. Aber das ist nie die ganze Wahrheit. Sie hat der Elfe vertraut.
    „Du kannst malen?", riss eine dunkle dennoch typisch melodische Stimme die blonde Elfe aus den Gedanken.
    Als hätte sie den dazugehörigen Elfen längst kommen gehört, drehte sie sich grinsend zu ihm um.
    „Aber aber, mein süßer Xenvalon! Mittlerweile solltest du wissen: Ich bin eine Elfe vieler Talente!"
    Xenvalon, der große, blasse Elf mit den weißen Haaren und eiskalten, blauen Augen hob die Brauen und nickte, dann stellte er sich vor das Gemälde und inspizierte es. Eloen beneidete den jungen Elfen immer wieder seiner Augen wegen. Einst besaß sie auch himmelblaue Augen, in denen man sich verlieren konnte. Jetzt entfachte sie nur Furcht mit ihren sinistren, Dunkelheit versprechenden Augen. Sie grinste, irgendwie passte es doch zu ihr.
    Xenvalon sagte lange nichts, was Eloen weniger gefiel. Sie wollte überhaupt nicht, dass er das Bild sieht, aber das kann sie unmöglich zugeben.
    „Ein sehr detailliertes Gemälde. Wer ist diese Elfe?"
    Immer wieder wunderte Eloen sich über das Verhalten von Xenvalon. Auf der einen Seite ist er ein Rüpel, auf der anderen Seite konnte er sehr einfühlsam mit Worten spielen.
    „Ein Mysterium lange vor deiner Zeit, mein süßer Xenvalon.", antwortete sie kryptisch wie es jeder gewohnt ist.
    Eloen konnte dem großen Elfen ansehen, er wusste, da steckt mehr dahinter, doch er wusste auch um die Fruchtlosigkeit weiter zu fragen. Er drehte sich jetzt direkt zu Eloen und verschränkte die Arme. Sie lächelte zahnig hinauf zu ihm und legte die Hände über dem Gesäß übereinander.
    „Willst du mir jetzt verraten, was es mit diesen schwarzhaarigen Geschwistern auf sich hat?"
    Die schwarzhaarigen Geschwister, deshalb betrat Xenvalon also den Raum von Eloen, welchen er sonst tunlichst meidete. Sie lächelte ein Stück breiter und pintschte dem großen Elfen in die Wange ehe sie zu ihrem Regal trat, auf dem Wein drauf stand.
    „Hervorragende Söldner, hörte ich. Mit vielen Kontakten zu unteren Schichten, wenn ich nicht belogen wurde. Richtig niedlich, die beiden, nicht wahr! Wobei Karazin fast so groß ist wie du. Du fühlst dich nicht etwa bedroht?"
    Diese Taktik wusste Eloen gut anzuwenden. Xenvalon hasste es, sich Schwächen einzugestehen und so zielte sie fast immer auf seinen enormen Stolz. Das lenkte ihn immer ab.
    „Eine Bedrohung? Definitiv nicht, aber wieso sollten sie hier schlafen? Wir reichen als Schutz für Amalias Besitztum aus."
    „Na weil ein merkwürdiger Einbrecher die Runde macht, welcher sich sogar an dich rangeschlichen hat, mein süßer Xenvalon? Sprich doch mal mit ihnen! Sie sind wirklich putzig, auch wenn Venette sehr bedacht mit Worten ist."
    Wieder ein Volltreffer, dachte Eloen. Xenvalon verzog einen Moment wütend das Gesicht und schüttelte den Kopf. Doch anders als von Eloen erwartet, verließ er nicht das Zimmer. Er ging direkt auf sie zu.
    „Ich weiß genau, du hast den Einbrecher früher bemerkt als jeder andere."
    „Aber das habe ich nie verleugnet, aber Xenvalon! Was hätte ich tun sollen! Ich hatte Angst, er tötet dich! Und kämpfen gegen eine so angsteinflößende Gestalt? Das wäre mein Tod!"

    Dagegen konnte Xenvalon nichts erwidern, so schnaufte er nochmal kopfschüttelnd und verließ das Zimmer. Sobald er draußen war, stellte Eloen sich an ihr Fenster und schaute hinab auf Calpheon. Eine äußerst hässliche Stadt, ihrer Meinung nach. Das mochte sie, so würde Zerstörung nicht sofort auffallen. Sie trank etwas von dem frisch eingeschütteten Wein und grinste wieder. Wer ewig lebte wie sie, der musste sich eine Konstante suchen um sich nicht in der Zeit zu verlieren. Ganz zu ihrem Glück gab es Ärger immer und überall, aber besonders bei den Menschen. Sie mochte die Menschen, wie sie mit ihren kurzen Leben versuchten, das für sie Beste rauszuholen. Und immer, wenn sie das in ihren Kopf Beste erreicht haben, ist es plötzlich doch nicht das Beste sondern etwas ganz anderes. Es ist, als hasse ihr Gott seine eigene Kreation, kann sie aber nun nicht mehr auslöschen und bestraft sie stattdessen ihr Leben lang. Und den beten sie auch noch inbrünstig an. Jetzt lachte Eloen sogar leise und schüttelte den Kopf. Interessante Wesen.

    228 mal gelesen