Vom Leben um zu Sterben

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  • "The royal circlet of bright gold rests lightly on my brow
    I once thought only of the rights this circlet would endow
    But once I took the crown to which I had been schooled and bred

    I found it heavy on the heart, though light upon the head."

    ~*~
    [META-WISSEN]

    Der blasse Sternenhimmel spannte einen silbernen Schleier über die wenigen Bäume, die sich wagten, über die Gärten des Chateaux Deveroux empor zu ragen.
    Die Luft war erfüllt von schwerem Blütenduft und dem Stimmgewirr der vielen Gartenbesucher, und Medikus Dumas dachte, dass in einem Bienenstock zu leben
    sich wohl so anfühlen müsse. Er lächelte sanft und auch, wenn die meisten seiner Tage mittlerweile im Nebel der Altersdemenz an ihm vorüber zogen, erfreute
    er sich am Anblick jeder einzelnen Blüte, wenn er am Arm seiner jungen Enkelin Nora an ihnen vorüber schritt. Sie ein einfältiges aber sehr liebenswürdiges
    Mädchen, das ihm seine Launen nie übel nahm und ihm verzieh, wenn er tagelang nicht mehr wusste, wer sie war.
    Er war ein zurückhaltender Mann, und obwohl er in der Vergangenheit lebte, sprach er fast nie von ihr.

    Er erblickte Lavellan, als er sich gemeinsam mit Nora auf den Weg in das Gewächshaus machten, nahe des kleinen Teiches, in dem sich träge, dicke Fische wie
    glitzernde Juwelen unter der Wasseroberfläche entlang schoben und ihre schuppigen Rücken andeuteten. Medikus Dumas blieb abrupt stehen und starrte sie an.
    Es überraschte ihn nicht, dass sie noch ein Stück gewachsen war und gertenschlank, nicht, dass sie edel aussah und in feine Stoffe gekleidet und sich mit dem
    Gastgeber zu unterhalten schien, einem Mann, der nicht unbedingt für seine zwanglosen Plaudereien bekannt war.

    Es überraschte ihn, dass sie überhaupt noch lebte.

    Die Praxisräume von Medikus Dumas befanden sich in einem Obergeschoss einer alten Villa am Rande von Epheriaport, von dem man aus in der Ferne das Meer
    glänzen und die Kutschen zwischen Häusern und kleinen Fincas hinunter zum Hafen gleiten sah. Eine stahlgraue Sonne beschien den Horizont der Dächer und
    Glockentürme des Viertels. Als sie eintraten, fiel Lavellan gleich auf, dass die Praxis nach Sauberkeit roch. Ihre Räume waren geschmackvoll eingerichtet,
    die beruhigenden Bilder an den Wänden zeigten hoffnungsvolle, friedliche Landschaften, die Bücherregale waren gefüllt mit imponierenden, Autorität
    ausstrahlenden Bänden. Eine Helferin des Medikus schwebte mit einem Lächeln wie eine Tänzerin vorüber. Es war ein Fegefeuer für Menschen mit gut gefülltem
    Geldbeutel und ein Geheimtipp fernab von Calpheon-Stadt, wie Persephone ihr kryptisch lächelnd mitgeteilt hatte.

    "Der Medikus wird Euch gleich empfangen, Hochwürden Carvain."

    Lavellan sah flüchtig an ihrer Tante empor, die sie an Wuchshöhe bereits fast eingeholt hatte. Persephone Carvain war eine ausnahmslos beeindruckende Erscheinung
    mit blasser Haut wie ein geschliffener Kieselstein, schwarzem, dichtem Haar und ebenso dunklen Augen. Sie war objektiv betrachtet wohl eine mehr als attraktive
    Frau mit einem Gesicht für Statuen und Gemälde, aber ihre Weiblichkeit schien sie durch den Blick ins Unendliche stets fest unter Kontrolle zu halten. Nur wenige
    Silbersträhnen hatte sich bisher in ihr Haar verirrt, obgleich sich ihr Alter auf knapp unter Fünfzig belief. Die Erzpriesterin von Calpheon. Die Vertraute König Serics und
    - wenn man bösen Zungen glauben wollte - womöglich auch mehr als das. Lavellan war mit ihren 18 Jahren noch zu jung und zu stur, um sich einzugestehen, dass sie zwar
    kaum Ähnlichkeit zu ihrem eigenen Vater aufwies, seiner Schwester allerdings wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein schien und die Ähnlichkeit so frappierend wirkte,
    dass man Persephone öfter für ihre Mutter hielt, als Ariadne selbst.
    "Lavellan? Hörst du mir zu, oder spreche ich bereits mit einem Gespenst?"
    Lavellan blinzelte überrascht, senkte den Blick zu Boden und zog die Augenbrauen zusammen.
    "Ich schaue den Menschen gern ins Gesicht, wenn ich mit ihnen rede, und ich schätze es, wenn auch du mich ansiehst."
    "Ich weiß nicht, ob das in meinem Fall eine gute Idee ist. Ich habe in der letzten Zeit nicht oft in den Spiegel gesehen aber ich denke, im hiesigen Beinhaus gibt es Leichen
    mit einer gesünderen Hautfarbe als meine.", erwiderte Lavellan leise und schärfer, als beabsichtigt. Ein tiefer Atemzug, der so sehr in ihrer Brust schmerzte, als hätte sie
    sich einen Dolchstoß verpasst. Sie wünschte, Calvaras wäre hier. Aber er war vor zwei Wochen mit ihrer Mutter zurück nach Calpheon gereist, während sie von der Stadt
    ferngehalten wurde und mit Persephone auf einem ihrer einfachen Landsitze der Ländereien lebte, mit gerade einer handvoll Diener. Sie erinnerte sich, eine Diskussion
    der beiden Frauen mit angehört zu haben, einen Tag bevor Ariadne mit Calvaras nach Calpheon zurück aufbrach.

    "Ich kann sie nicht mitnehmen. Und ich will es auch nicht. Ich ertrage es nicht, verstehst du? Ich ertrage den Gedanken nicht, sie dort zu sehen. Was glaubst du,
    was geschehen wird? Dein Bruder wird sie mit irgendeinem Schwachsinnigen aus dem Hochadel vermählen wollen, damit er ihr acht Kinder zeugt und sie dann auf
    ewig unter Schmuck, Seide und Bedeutungslosigkeit begräbt. Das wird sie umbringen. Wenn du sie nicht hier behältst, grenzt das an Mord."
    - "Dramatisier die Sache nicht, Ariadne."
    "Ich würde dich sonst nicht darum bitten, ich weiß schließlich, dass Selbstlosigkeit zu dir etwa so gut passt wie ein rosafarbenes Tüllkleid, aber meine Tochter hat
    ein anderes Schicksal als das Leben als leibhaftige Zierde an der Seite eines Einfaltspinsels verdient."
    - "Möglicherweise beweist Achilles bei der Wahl eines Ehemannes ein genauso gutes Händchen wie Hector? Ich habe gehört, Damaris wird bald bei der Inquisition
    arbeiten und ihr Gatte unterstützt sie mit allen Mitteln dabei."
    "Damaris hatte lediglich Glück. Glück, dass ihr Mann sich eine Königin an seiner Seite wünscht und keine seelenlose Puppe, die man begatten und danach zurück
    in ihren Glasschrank stellen kann!"

    Seelenlose Puppe.
    Eine der Besonderheiten des Heranwachsens ist, dass man etwas nicht zu begreifen braucht, um es zu spüren. Ist dann der Verstand schließlich in der Lage,
    das Geschehene zu verstehen, so sind die Wunden im Herzen schon zu tief.Noch bevor Persephone ihr antworten konnte, bat der Medikus sie in sein Behandlungszimmer.
    Medikus Dumas war ein aristokratisch aussehender Mann von tadelloser Erscheinung, der mit jeder Gebärde Gelassenheit und Zuversicht einflößte. Graue, durchdringende
    Augen hinter rahmenlosen Augengläsern. Ein herzliches, aber nie leichtfertiges Lachen. Dumas war es gewohnt, sich mit dem Tod herumzuschlagen, besonders zu jenen Zeiten,
    als der Tod noch nicht in der Anonymität hauste und man überall sehen und riechen konnte, wie er besonders die Seelen mitriss, die noch gar keine Gelegenheiten zum Sündigen
    bekommen hatten. Sie hatten einige Tage zuvor bereits eine Untersuchung im Anwesen Persephones durchgeführt und obwohl der Medikus von den Fortschritten der Heilkunde
    erzählt hatte, die es erlaubten, im Kampf gegen die von Lavellan beschriebenen Symptome Hoffnung zu hegen, machte er jetzt den Eindruck, als gebe es nun keinen Zweifel mehr.
    "Wie geht es Euch?", fragte er und schaute unschlüssig zwischen Lavellan, dem Dossier auf seinem Tisch und Persephone hin und her.
    "Sagt Ihr es mir.", antwortete Lavellan distanziert und ohne auf den Seitenblick zu reagieren, den ihre Tante ihr warnend zuwarf.
    Dumas deutete ein Lächeln an, wie ein guter Spieler.
    "Hochwürden Carvain erwähnte, Ihr wollt die Priesterausbildung angehen. Aber beim Ausfüllen des Fragebogens habt Ihr bei Berufung Walküre angegeben."
    Lavellan reagierte nicht. Sie zog die Augenbrauen leicht zusammen und spürte jetzt, wie Scham in ihr so heftig aufstieg, dass es ihr Übelkeit verursachte.
    "Es ist alles noch nicht so lange her.", kam Persephone ihr unvermittelt zu Hilfe."Sie dient Elion, da besteht kein Unterschied."
    Der Medikus lächelte, als amüsierte ihn die Bemerkung, dann setzte er eine ernstere Miene auf um den beiden Frauen zu verstehen zu geben, die freundlichen Vorreden seien zu Ende.
    "Seid Ihr allein gekommen? Was ist mit den Eltern?"
    "Das klingt ziemlich düster.", raunte Persephone nun und engte die Augen.
    "Eure Exzellenz, ich will Euch nicht belügen. Die Ergebnisse der ersten Untersuchung sind nicht ganz so vielversprechend, wie wir erwartet haben."
    Lavellan schaute ihn schweigend an. Sie empfand weder Angst noch Sorge. Sie empfand rein gar nichts.
    "Alles weist darauf hin, dass ihre Lungen stark beschädigt sind. Wir können nicht einmal ausschließen, dass es sich vielleicht um ein... Geschwür handeln könnte."
    Lavellan war immer noch zu keiner Äußerung imstande.
    Sie konnte nicht einmal Überraschung heucheln.
    "Wie lange hat sie das schon?", hörte sie Persephone fragen.
    "Das lässt sich nicht genau sagen. Vermutlich seit ihrer Geburt. Und vermutlich gibt es Faktoren, die ... einen Anfall auslösen. Oder verstärken.
    Vielleicht kommt es auch einfach so, je älter sie wird, immer häufiger. Wir wissen viel zu wenig und davon nicht genug."
    Lavellan nickte und atmete tief ein. Wieder ein Dolchstoß. Der Medikus richtete seinen Blick auf sie, schaute sie geduldig und wohlwollend an und ließ ihr Zeit.
    Die junge Frau hob zu mehreren Sätzen an, die ihr aber nicht über die Lippen wollten. Schließlich trafen sich ihre Blicke.
    "Ich nehme an, ich bin in Eurer Hand, Doktor. Ihr werdet mir also sagen, welcher Behandlung ich mich zu unterziehen habe."
    Der militärische Gehorsam der Akademie lang noch fest und schwer auf ihrer Zunge. Die Worte klar und eindeutig formuliert, wie von einem Soldaten, der es gewohnt war,
    Befehle zu empfangen und zu befolgen. Da saß sie, hatte gerade eben erst die Schwelle vom Mädchen zur jungen Frau überschritten und wirkte bereits so, als hätte sie in
    all die Abgründe dieser Welt geblickt. Und vielleicht, dachte Dumas, hatte sie das auch.
    Nun, da er bemerkte, dass Lavellan ihn offenbar nicht hatte verstehen wollen, sah sie, dass sich seine Augen mit Verzweiflung füllten.
    Sie nickte abermals und kämpfte gegen die im Hals aufsteigende Bitterkeit an.
    "Es gibt keine Behandlung.", sagte sie dann.
    "Wir können natürlich einiges gegen die Schmerzen tun und Euch größtmögliches Wohlbefinden und Ruhe garantieren, aber ..."
    "Aber ich werde sterben."
    "Ja. Sehr wahrscheinlich."
    "Bald."
    "Möglicherweise."
    Lavellan musste lächeln.
    Selbst die schlechtesten Nachrichten haben etwas Erleichterndes, wenn sie nichts weiter bestätigen als das, was man uneingestanden bereits ahnte.
    Sie fühlte sich, als hätte sie eine Lüge oder eine lässliche Sünde gestanden und als wäre die steinerne Last der Gewissensbisse mit einem Federstrich weggewischt.
    "Ich bin achtzehn.", sagte sie, ohne recht zu wissen, warum.
    Persephone schwieg und legte eine Hand auf ihre. Sie strahlte mit einem Mal eine so warme Zuversicht aus, dass Lavellan die Kälte nicht spürte,
    die sich um ihr Herz legte. Womöglich bemerkte sie auch deswegen nicht, wie es zerbrach.
    "Es tut mir Leid, mein Kind. Ich würde Euch gerne einen besseren Bescheid geben."
    "Wie viel Zeit hat sie noch?", fragte Persephone nun.
    "Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ein Jahr. Höchstens ein Jahr und ein halbes."
    Sein Ton gab deutlich zu verstehen, dass das eine mehr als optimistische Prognose war.
    "Aber ich werde Priesterin.", sagte Lavellan plötzlich und war selbst überrascht von ihren Worten.
    "Elion gab mir eine Aufgabe. Von diesem Jahr, oder was auch es sein mag, wie lange glaubt Ihr, werde ich noch arbeiten können?"
    "Ich kann es Euch nicht sagen. Es ist möglicherweise irgendwann mit ... Einschränkungen zu rechnen."
    "Einschränkungen ist kein medizinischer Begriff, Doktor.", meinte Persephone.
    "Nun, normalerweise zeigen sich die Symptome, unter denen Ihr leidet, desto intensiver und häufiger, desto weiter die Krankheit fortschreitet,
    und irgendwann werdet Ihr Euch zur Pflege einem Medikus anvertrauen müssen."
    "Ich werde nicht schreiben oder sprechen können?"
    "Ihr werdet nicht einmal an das Schreiben oder Sprechen denken können."
    "Wie lange noch."
    "Ich weiß es nicht..! Vielleicht Zehn Monate oder zwölf. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Es tut mir sehr Leid. Ehrwürden."
    Lavellan nickte und stand auf. Ihre Hände zitterten, und sie bekam abermals keine Luft.

    Sie war in der Überzeugung aufgewachsen, das stockende Voranschreiten der Zeit nach dem Ende des letzten Krieges, eine Welt aus Bewegungslosigkeit, Elend und dem heimlichen Groll,
    sei eben so normal wie das schmutzig fließende Wasser des Demis und die stumme, aus den Mauern der verwundeten Stadt blutenden Trauer sei das wirkliche Antlitz ihrer Seele.
    Aber in ihrer Welt war der Tod dennoch immer eine anonyme, unverständliche Hand, ein Hausierer, der Mütter, Bettler oder alte Nachbarn mit sich nahm, als wäre es eine Lotterie der Hölle.
    Die Vorstellung, der Tod könne neben ihr einhergehen, fast so als hätte er ein Menschengesicht und ein hassvergiftetes Herz, in Uniform, in Mantel oder im Kittel eines Medikus,
    der vormittags in den Gasthäusern lachte um Abends jemandem in den Verliesen Calpheons verschwinden zu lassen, das wollte ihr nicht in den Verstand dringen.
    Und als sie immer weiter darüber nachdachte, mit rasenden Gedanken und schnellem Herzklopfen kam sie auf den Gedanken, dass diese Welt, die sie für selbstverständlich nahm,
    nichts weiter als eine Kulisse aus Glas und Schatten war.
    "Junge Dame, ich verstehe, dass Ihr Zeit braucht, um das alles zu verarbeiten, aber es ist wichtig, dass wir so rasch wie möglich Maßnahmen ergreifen..."
    Aber Lavellan beachtete ihn gar nicht weiter. Ihr dunkler Blick war auf Persephones Gesicht gerichtet und die Erzpriesterin von Calpheon erwiderte ihn mit jenem wissenden,
    kryptischen Lächeln, das auch Lavellan bald durch ihr Leben folgen sollte wie ein Schatten ihrer Ahnin.
    "Ich darf noch nicht sterben. Noch nicht."
    Persephone nickt langsam, so als wäre sie einverstanden mit jenem Angebot, das Lavellan ihr chiffriert zwischen Verzweiflung, Trotz und Wut übermittelte.
    Sie hatte eine Aufgabe.

    "Danach werde ich... das ganze Leben zum Sterben haben."
    BERNSTEIN
    Eine Heimat für Rollenspieler

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