Aurelia

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  • Von meinem Versteck aus beobachtete ich den Schwarzleopard wie er seine Beute riss. Die Beute selbst war kaum noch erkennbar, doch den Federn zufolge würde ich vermuten, das war ein unglücklicher Ferris. So nah an der Navarn Steppe wäre das nur realistisch. Hinter mir lag der dichte wie hügelige Wald, vor mir lag die grüne Wüste der Navarn Steppe voller Wild in allen Farben und Formen. Flache Hügel und etliche Blumen zierten dieses schöne Land. Leider war diese Steppe genau so gefährlich wie schön aus vielen Gründen: Wilde Tiere in allen Größen und am problematischsten für mich die Sichtbarkeit. Da ich direkt am Alten Baum der Weisheit vorbei wandern müsste, könnte ich schnell von den Ganellen entdeckt werden. Ein Todesurteil, denn könnte ich weder laufen noch mich verstecken.
    Nichtsdestotrotz trat ich aus dem Wald, dem Schwarzleoparden entgegen. Das erwachsene Tier war groß wie ich auf allen Vieren und doppelt so breit. Die gelben Augen fixierten sich sofort auf mich und es knurrte mich an. Als es bemerkte, ich weiche nicht zurück, machte es sich bereit für den Sprung. Ich lud meine Magie in beiden Händen und wartete auf den Angriff, welcher rasend schnell kam. Genau so schnell entlud ich meine Magie in Form eines lilanen Blitzes, welcher den Leopard in der Luft traf und weit zurückwarf. Rauchend blieb es auf dem Boden liegen, atmete einige Sekunden schwer und hauchte letztendlich sein Leben aus. Ich zog mein Messer aus der Tasche und begann es zu häuten. Das Fell wird mir als gute Tarnung dienen.
    Als die anstrengende Arbeit abgeschlossen war und ich direkt etwas gegessen habe, begann ich meine Reise.
    Die Hitze machte mir sehr zu schaffen, aber meine Tarnung schien zu funktionieren. Kein Ganelle folgte mir und die wilden Tiere bereiteten mir keine Probleme. Mein persönlicher Geist lief immer wieder mal an meiner Seite und ich wurde zunehmend dankbarer für ihre Präsenz. Ich fühlte mich nicht mehr so allein wie sonst.
    Tagelang lief meine Reise quer durch Kamasilvia ereignislos, aber kurz hinter dem wunderschönen Flondorsee, am Fluss der den Weißholzwald und Pollys Wald vom einander trennte, traf ich auf eine Gruppe Ganelle. Sie umzingelten eine Gruppe von Zahnfeen und bedrohten sie, wie es aussah. Ich war zu weit entfernt um die Worte zu hören, aber die Zahnfeen wirkten auf mich sehr gestresst. Leider wagte ich es nicht, mich aus meinem Versteck im Unterholz zu bewegen um näher zu gelangen.
    „Was machen sie mit den Zahnfeen?", fragte mich mein persönlicher Geist.
    Die Zahnfeen, weiße, kleine und schwebende Geister mit äußerst langen Gliedmaßen und einem etwas gruseligen Gesicht, rückten immer näher zusammen, doch war der Fluss ihnen im Rücken. Ich sah die Kampf Bereitschaft in den Bewegungen der Ganellesoldaten während die Anführerin weiter sprach.
    „Eine gute Frage.", flüsterte ich zurück.
    Aber wusste ich bereits, sie werden die Zahnfeen hinrichten. Das mussten Mitglieder der Einel Einheit sein, und damit mir deutlich überlegen, zumindest in der Gruppe.
    „Ich sehe deine Gedanken, Vexilion, hast du das vergessen?", erinnerte mich der wunderschöne Geist traurig.
    „Nein, aber ich...wollte es versuchen. Und ich muss versuchen, die Zahnfeen zu retten."
    „Nein, Vexilion, du wirst sterben!"
    Die Einel begannen das Töten der Zahnfeen und ich wollte gerade aus meinem Versteck, da versagten plötzlich meine Muskeln und ich fiel zu Boden. Meine Sicht verschwamm und verdunkelte sich rapide.
    Es tut mir Leid, Vexilion! Du darfst nicht sterben!, sprach mein Geist in meine Gedanken.
    Du... Du bist das?, fragte ich geschockt.
    Aber ich erhielt keine Antwort bevor mir mein Bewusstsein entglitt.
    Als ich meine Augen öffnete strahlte mir die Sonne ins Gesicht und ich hörte das Rauschen der Meere. Sofort sprang ich auf und orientierte mich schnell: Ich befand der Klippe am Rande Kamasilvias, ohne Zweifel. Direkt in oder neben Pollys Wald. Die unzähligen bunten Pilze besetzten dicht den Wald neben der Klippe. Neben mir gab es steinerne Hügel und einer davon hatte ein winziges Loch, welches nur wenige Meter von mir entfernt lag.
    „Du bist wach.", grüßte mich mein Geist und gab mir eine Umarmung, die ich nicht spüren konnte.
    „Was... Wie?", stotterte ich und näherte mich vorsichtig dem Loch.
    „Deine magische Energie, sie fließt durch deinen ganzen Körper, ich konnte sie beeinflussen.. Es tut mir Leid, Vexilion. Ich...will dich nicht sterben sehen."
    „Weil du mit mir stirbst."
    „Nein! Tot bin ich schon lange. Auch ohne dich wäre ich verflucht dazu, ewig durch diese Wälder zu wandern. Aber niemand kann mich sehen. Nur durch Eloen, die Bindung, die sie zwischen uns geschaffen hat, kannst du mich sehen."
    Wieder zerbrach ich mir den Kopf über diese ganze Angelegenheit und Angst machte sich in meiner Brust breit. Viele Fragen taten sich auf, aber gerade konnte ich mich damit nicht genauer befassen. Mein Fokus galt dem Loch im Steinhügel, denn war das viel tiefer als gedacht, und eine kaum sichtbare Leiter führte hinunter ins Dunkle.
    „Hast du mich hergebracht?"
    Der schöne Geist nickte mir zu und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Sie konnte also meinen Körper bewegen. Äußerst beunruhigend.
    Ich hörte Schritte und drehte mich sofort um. Magie hatte ich in meinen Händen gesammelt. Jemand zielte mit einem Pfeil auf mich. Doch das Gesicht hinter dem Bogen erkannte ich sofort. Graue Augen und blonde Haare, ein dünnes Gesicht mit scharfen Gesichtszügen und stählernen Blick.
    Langsam senkte sie den Bogen und entspannte die Sehne während sie langsame Schritte näher an mich machte. Einmal vor mir nahm sie meine Hand und zog mich dann in eine Umarmung. Lange blieben wir in der Umarmung bis Linwe sie letztlich löste und mich nochmal musterte als wäre ich nicht echt.
    „Vex... Es ist so lange her..."
    „Eine Ewigkeit."
    Unruhig sah sie sich um und ich bemerkte, dass sie den Pfeil bisher noch nicht zurückgesteckt hat.
    „Wie hast du uns gefunden?"
    „Eloen hat mir gesagt, ich finde dich und Hulon hier. Sie hat mir etwas mitgegeben für einen Plan."
    Linwes Gesichtsausdruck wechselte von nervös zu überrascht aber auch ängstlich. Erneut sah sie sich um.
    „Ist Eloen hier?"
    Ich zögerte zu antworten und Linwe fragte erneut: „Ist sie hier, Vex?"
    „Nein."
    Sie steckte endlich den Pfeil zurück und auch den Bogen, dann deutete sie auf das Loch.
    „Komm, ich erkläre dir alles."
    Sie begann den Abstieg ins Dunkle und ich folgte ihr. Es ging tief hinunter und ich vermutete, es musste sogar auf der Höhe des Meeresspiegels sein. Irgendwann kamen wir in einem großen Raum beleuchtet von schwebenden, grünen Lichtern. In der Mitte des runden Raumes gab es einen Tisch aus dem Stein der Klippe, darum zwei Stühle aus dunklem Holz. Ferner gab es zwei weitere Eingänge, verdeckt mit dünnen Vorhängen. Auf dem Tisch lag eine Karte ähnlich wie die, die Eloen mir mitgegeben hat.
    „Linwe, wen hast du mitgebracht?", kam eine bekannte Stimme aus einem der anderen Räume.
    Hulon trat aus dem linken Raum hervor, gekleidet in nichts weiter als in einer grünen Robe. Sein sonst gepflegtes Gesicht wurde nun halb unter einem vollen Bart vergraben, aber seine blauen Augen leuchteten wie immer. Er hatte eine ähnliche Reaktion wie Linwe, lächelte dann aber weit.
    „Vex."
    „Hulon."
    Sofort suchte ich die Karte von Eloen aus meiner Tasche und hielt sie ihm hin. Verwirrt sah er mich an, nahm die Karte aber an und legte sie auf den Tisch. Als er sie ausrollte, warf er einen skeptischen Blick auf mich, dann auf Linwe.
    „Eloen hat Vex gesagt, wo wir sind.", teilte Linwe ihm mit.
    „Was hat sie sonst noch erzählt?", fragte Hulon mich.
    „Wieso seid ihr überrascht?", stellte ich eine Gegenfrage.
    Linwe seufzte und schüttelte den Kopf, deshalb übernahm Hulon das Reden.
    „Eloen hat sich schon vor langer Zeit von uns getrennt, Vex. Wir haben lange nichts von ihr gehört."
    „Weshalb?"
    Hulon deutete auf die Karte und jetzt seufzte auch er.
    „Sie ist... Wie soll ich es sagen? Sie hat zu viele Geheimnisse."
    „Vex, niemand weiß, für wen diese Elfe überhaupt kämpft. Sie hat nicht nur Ganelle getötet, auch Vedir und sogar Geister Kamasilvias."
    Ich konnte kaum glauben, was Linwe und Hulon da erzählten.
    „Warum sollte die das getan haben?"
    „Das weiß niemand. Und genau das macht es zu einem großen Problem. Ich vermute, sie ist einfach nur wahnsinnig."
    Hulon schüttelte den Kopf bei der Vermutung Linwes und auch ich konnte nicht glauben, dass die Elfe wahnsinnig ist.
    „Sie sagte mir, sie steht immer auf ihrer Seite, und sie will Amelia umbringen. Ich glaube nicht, dass sie gelogen hat. Was ist mit der Karte?"
    „Das sind rituelle Standorte mit starker Energie in der Luft. Zu Beginn des Bürgerkrieges gab es einen Plan der Vedir, die Tiere Kamasilvias in den Wahnsinn zu treiben und damit die Ganellen abzulenken. Das wurde verworfen weil es bedeutet hätte, die womöglich ganze Fauna Kamasilvias auszurotten."
    Er deutete wieder auf die markierten Punkte innerhalb Calpheons.
    „Das sind Ziele dieses geplanten Wahnsinns. Lange haben wir darüber nachgedacht, welche Ziele die besten sind."
    „Es hat etwas mit den Menschen zu tun?"
    „Ja. Brolina Ornette will ihre eigene Mutter vom Thron stürzen. Es gibt Gespräche mit den Menschen für ein militärisches Bündnis, wenn auch für kurze Dauer. Der Plan ist simpel: Wir führen Rituale durch und zielen auf diese Orte. Was auch immer dort ist wird dem Wahnsinn verfallen, in einen Kampfrausch. Die Hauptstadt dieses Menschenlandes wird unter Druck geraten und ohne Zweifel werden sie Amelia um Hilfe bitten. Brolina wird Amelia dann davon überzeugen, ihre Einel zur Hilfe zu senden. Einmal schutzlos ist Amelia ein leichtes Ziel."
    „Und...die Menschen? Werden dabei nicht etliche Menschen sterben? Und was wenn Amelia die Einel trotzdem nicht losschickt?"
    Die Stille der Beiden beantwortete meine Frage ziemlich genau. Es gab keine Sicherheit. Aber auch keinen anderen Plan.
    Du solltest dich erstmal ausruhen,Vex, riet mir mein persönlicher Geist.
    Anscheinend sah man mir an, wie überfordert ich gerade war, denn Hulon legte seine Hand auf meine Schulter und führte mich zu einem der Räume. Der Raum war klein und nur mit einem Bett und einem Schrank ausgestattet.
    „Ruh dich aus, Vex. Und nimm dir eine neue Robe, deine dreckige Kleidung kann nicht angenehm sein. Nachdem du drüber nachgedacht hast, stellst du deine Fragen."
    Er ließ mich allein und ich tat wie er empfahl: Ich wechselte meine Kleidung und setzte mich dann auf das Bett. Meine Gedanken wollten sich nicht mehr beruhigen. Neben mir saß mein Geist und kämmte ihr goldenes Haar.
    Was willst du machen, Vex?
    Ich schütze meine Heimat, wie immer.
    Auch wenn das bedeutet, die Menschen in einen Krieg zu bringen?
    Wir helfen ihnen.
    Aber du weißt, wie das mit Krieg ist. Nur Verlust und Leid. Zudem ist er unendlich. Wie viele Jahre herrscht jetzt schon Krieg in Kamasilvia?
    Die bereits engen Wände kamen näher und einen Moment lang fühlte es sich an, als werde ich erdrückt. Doch ein beruhigendes Gefühl überkam mich schnell und ich war mir sicher, mein Geist sorgte dafür. Langsam beruhigte ich mich und legte mich hin. Mein Geist legte sich neben mich und lächelte mich traurig an.
    „Wie heißt du?", flüsterte ich.
    „Ich weiß es nicht mehr. Hilf mir bei einem neuen Namen, Vexilion."
    „Aurelia."
    Nur wenige Momente nachdem ich den Namen ausgesprochen hatte, packte mich die Müdigkeit und ich driftete in den Schlaf.

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