Unten am Fluss - letzter Teil

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  • Das Knirschen der Steine unter den Stiefeln klang für Gabriel wie das Mahlen von Knochen. Ein Einblick in seine nahe Zukunft, wenn das Fleisch abfällt, weil ihn gleich der Tod ereilt. Eine Sekunde verging, in der sein Leben vor dem inneren Auge vorbei raste, wie Sand in einer Uhr deren Hals gebrochen war und die die Zeit kontrollieren konnte. Eine Sekunde, in der der große Schatten aus Mediah seine Hand fort schlug, die Krähe mit einem Schnitt aus Silberglanz eine Schmuckkette im Gesicht des Dunkelhäutigen zerschnitt, deren Glieder wie Goldfunken regneten. Eine Sekunde, in der jener, der die Zeit für ein paar Menschen anhalten konnte dem Beobachter so hart mit dem Schlangenknauf in die Magengrube Schlug, dass dieser taumelnd zur Seite fiel. Gabriel hatte im nächsten Herzschlag das Gefühl, die Klinge, die der Schatten zog hätte ihm ein paar Strähnen gekürzt. Ein sehr, sehr geringer Preis angesichts der Situation und selbst das war nur Einbildung gewesen, während er nun wieder nackt mit gefallenem Schild aus feinsten Stoffen nach einem Ausweg suchen musste. Hätte er das Handgelenk nicht gegriffen, wäre das vielleicht jener Moment gewesen, der dem Mediahner fehlte und der aus dem Faustschlag einen eigenen Schnitt gemacht hätte. "Gut reagiert," ächzt die Krähe mit einer doch noch eher jungen Männerstimme und nickt Gabriel zu, der nun beim besten Willen keine Zeit dafür hatte irgend eine Reaktion zu zeigen. Während der junge Graf halb auf den Knien unter dem Pferd hindurch schlüpfte. Gerade machte er die unpassend amüsante Erfahrung, dass ganz gleich was man tat, Nacktheit keinen Vorteil verschaffte. Wie sehr man sich doch von der Gesellschaft zu Kleidung drängen ließ. Man konnte es selbst in solch einem Augenblick einfach nicht vergessen, dass etwas wichtiges fehlte.

    Der Schlangenkrieger stürzte sich auf die Krähe, schlug Funken in das vielschichtige Grau, als er die Säbelschneide über die Steine zog, weil der Dritte im Bunde sich bei Seite rollte. Der Kämpfen vom schwarzen Lumpenpack war flink, beweglich und dadurch ein Problem, denn es galt die schwarze Magie aufrecht zu erhalten und sich gleichzeitig auf das Gefecht zu konzentrieren. Die kurze Klinge und der Säbel klangen laut am idyllischen Ufer und nur das Rauschen des Flusses verhinderte, dass das Eisenlied hoch zum Weg schallen konnte. Zwei oder drei Paraden, dann wechselte der Angreifer in die Position desjenigen, der sich verteidigen musste. Gabriel ergriff das Schwert der Frau, die noch immer starr in die Landschaft blickte und zog es aus der Scheide. Genau in diesem Augenblick blinzelte sie ihm direkt aus nächster Nähe ins Angesicht und sah am Grafen herab. Im Affekt sprach Gabriel ihr ein "Guten Morgen", zu, was die Wirrung ihrerseits nicht beschwichtigte, sondern nur noch schlimmer machte. Er biss die Zähne aufeinander, hob das Schwert und visierte die Kontrahenten an, als wolle er mit der Waffe irgendwas völlig unkonventionelles aus der Ferne anrichten. Der Schattenkrieger trat nach einem Konter gegen die Hüfte der Krähe, sah zu Gabriel hinüber und schrie ihm entgegen. Sand wehte dem Grafen um die Ohren und in die Augen. Das Schwert fiel. Die Wachen und die Pferde rührten sich dank all der Ablenkung und etwas entzündete die Sandkörner, ließ sie schmelzen und wie heiße Glaspartikel umherwirbeln. Das traf zwar nicht den temporär erblindeten Grafen, dafür aber den Wappenrock des Wachmannes, der eben noch mit gezogenen Schwert am Ufer verweilte. Und das Chaos nahm seinen Lauf.

    Gabriel wusch sich nach einem Meter auf allen Vieren mit einer Handvoll Flusswasser dürftig den Sand aus dem Gesicht und den Augen. Es brannte furchtbar. Die Wachfrau ergriff den entflammten Kollegen im Dienst und zerrte ihn stolpernd mit sich um ihn neben Gabriel in den Fluss zu werfen. Der andere Wachmann war daran todesmutig einzugreifen und wusste doch nicht so recht wer sich da gerade überhaupt mit wem Schlug. "Rückzug!" rief Gabriel in einem Akt der Verzweiflung um das heillose Durcheinander ganz richtig. Die Krähe stimmte ein und bemerkte: "Guter Einfall, Fazzinijunge!" Fazzinijunge? Sohn eines Donnerschmiedes? Der eine kam aus Calpheon, der andere aus Mediah. Gut zu wissen. "Der mit der Kapuze gehört zu uns", rief Gabriel nun wider dem Befehl von eben. Das war ein Schuss ins Blaue, aber er hatte den Erben des Hauses noch nicht bedroht und auch nicht angegriffen. Die Wachen, gerade noch zwei Schritte zu den unruhigen Pferden hin gerannt, machten Kehrt und fingen an den Schatten aus dem Osten zu beharken, welcher der Krähe mittlerweile wahrlich gefährlich werden konnte.
    Ein unschöner Fluch fiel von den Lippen des Dunkelhäutigen. Ein Wort das alle Mütter der Anwesenden gleichsam bezichtigte, Kinder mit Ziegenböcken gezeugt zu haben. Oder so etwas in der Art, nur weniger ausschweifend. Ein Wirbel, mitten im Kampfgeschehen zog das Wasser zwischen den Steinen hoch. Dann wieder dieser vermaledeite Sand, der auf der Haut und in den Augen brannte. Und mit einem Mal brach all der Lärm und der Wind in sich zusammen. Die Körner fielen und verloren sich zwischen den Steinen und in den Falten der Kleider und des Rüstzeugs. Gabriel und seine Wachen sahen sich hektisch um, doch vom Schatten und der Krähe fehlte gleichsam jede Spur. Der Herzschlag raste noch, der Atem stockte, da befahl Gabriel: "Weg hier..." und wurde nur noch ein letztes Mal von der Frau im Bunde mit Worten aufgehalten. Drei Worte, die so viel Wahrheit und etwas Essenzielles in sich trugen, die alles, was von nun an auf der Rückreise geschah beeinflussten und veränderten, weil sie unablässig waren. "Graf, eure Hose..."

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Kommentare 4

  • Kilnamerra -

    Oh ja ich auch ;)

    • Wellenschlag -

      Ich auch. Ich würfel auch viel ^^`

  • Dunstherz -

    Sehr spannend geschrieben und ich bin auf die RP Auswirkungen gespannt. ❤️