Unten am Fluss - Zweiter Teil

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  • Eine Hose musste her. Die erste rationale Entscheidung fiel mit dem Gedanken daran, dass so manch böser Traum damit anfing, dass man keine Hose trug. Diesen Umstand galt es zu ändern, komme es was wolle. Dass der Gedanke absurd war, einen peinlichen Alptraum damit zu beenden, ihm einfach die Grundlage zu stehlen, wusste Gabriel eigentlich selbst und doch schien das in diesem weltfremden Augenblick die beste Lösung zu sein um mit dem Handeln zu beginnen oder die Absurdität zu besiegen. Zumeist fand man dann ja auch keine, weil in der Traumwelt immer das fehlte, wonach man am meisten sehnte. Das Tuch um den Leib zu trocknen war mit einem Male einerlei und die Kleider, die über dem Sattel seines Pferdes lagen das Ziel der baren Schritte über die kühlen Flusskiesel. Der junge Graf hörte den eigenen Atem vibrieren, als er apathisch vor Wirrung auf das Tier zuging, das nicht ein mal die Ohren nach ihm drehte. Nur die Spitzen des Schweifhaars und der Mähne wehten im Windhauch. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, so viel war allemal klar. Die nassen Finger fassten nach dem Beinkleid und zogen es hervor. Dabei fiel der Gurt vom Sattelleder und gerade als Gabriel sich danach bückte, fuhr ihm der blanke Schrecken in die Glieder. Als wäre er nun selbst versteinert, sah er die beiden festen Stiefel auf der anderen Seite des Tieres unter jenem hindurch an. Abgewetzt, von weiten Märschen gequält und mit geplagten Nähten im tiefschwarzen Leder. Noch immer nackt, wie von Elion geschaffen, versuchte sich der Graf zu entsinnen wer noch mit ihm hier her gekommen war und nun dort hinten stand. Unfug, mahnte er sich. Er vergaß doch niemanden, der mit ihm ausritt plötzlich. Da trat das Stiefelpaar zur Seite, rücklings um das Pferd herum und Gabriel richtete sich auf, mit der Hose in den Händen vor den Schritt gepresst.

    Die Gestalt ließ ihn abermals schaudern, nun, da sie sich offenbarte. Der groß gewachsene, dunkelhäutige Fremde sah Gabriel noch nicht ein mal an und sprach mit einer tiefen, einnehmenden Stimme in der Zunge der Menschen aus Mediah: "Wie lange es her ist, dass wir uns in die Augen sahen. Die Wüstenfuchswelpen hatten schon selbst Junge. Und jene auch." Gabriels Blick suchte hektisch nach Erkennungsmerkmalen am Fremden, der sich hier rührte als ginge ihn die plötzlich erstarrte Zeit nichts an. Oder war es am Ende gar nicht die Zeit, die still stand? Die deformierte Pupille, sonst vom Monokel korrigiert, ließ das Gesicht mit all den feinen Schmuckketten, der Augenklappe und den Stiften und Ringen, welche die Haut durchdringen verschwimmen. Trotzdem wäre ihm dieser Anblick doch allemal in Erinnerung geblieben. Nun kreuzten sich die Blicke. Der eine kalt, der andere erschüttert. "Du bist erwachsen geworden", stellte der Dunkelhäutige fest, gekleidet in Stoffbahnen, die sich um feste Muskeln und Sehnen winden. Ein Säbel hing quer hinter dem Steiß am Gurt in der Scheide und vom Griff her blitzten die Smaragdaugen einer Schlange, wie sie auch als Schulterzier genäht war. "Was wollt ihr?" Gabriel nahm sich für diese Frage zusammen. Alles in ihm stand auf Achtung. Das Herz schlug schnell, jede Faser bereit zu... was eigentlich? "Dass du dein Versprechen einlöst, Sohn eines Donnerschmiedes."

    Der Sohn eines Donnerschmiedes. Gabriels Gedanken überschlugen sich. Sein Vater. Die Gießerei. Dennoch hatte ihn nur ein Mann jemals so genannt und erst vor Wochen hatte er einer einzigen Person auf dieser großen, weiten Welt davon erzählt. "Es ist noch nicht so weit", antwortete Gabriel und verschluckte zuerst die erste Silbe. "Lügner", rügte ihn der Bewaffnete mit einem Ausdruck von wütender Enttäuschung und trat näher an Gabriel heran um direkt auf ihn herab zu sehen. "Ich sehe es in deinen Augen", zischte er obendrein im Flüsterlaut hinterher. Gabriel schluckte. Er befand sich in der denkbar ungünstigsten Lage, das war ihm vollkommen klar. Dennoch begehrte er auf. Vor etwas über einem Jahr noch ein undenkbares Verhalten, als er verglichen mit heute noch ein Kind war. "Ihr habt mich betrogen, die Abmachung ist nichtig." Der junge Graf mahnte sich die Haltung zu wahren. Die Stimme des eindeutig stärkeren und viel zu nahen Mannes setzte gerade an etwas zu sagen, da fuhr er selbst herum, als etwas nur wenige Schritte entfernt ins Wasser schlug. "Was?!" keifte der drohende Schatten. Seine Hand ergriff augenblicklich den Schlangensäbel, Gabriel fasste nach dessen Handgelenk. Weshalb, das wusste Graf Fazzini selbst nicht, doch der mutige Akt blieb nicht folgenlos. Noch ein mal betrat eine fremde Gestalt die Bühne und machte einen zweiten, weiten Schritt ins Flusswasser. Wie war er nur so lautlos über die Kiesbank gerannt? Die Wirklichkeit geriet noch eine Nuance weiter in Schieflage. Der Dritte im Bunde der Beweglichen war in dunkle Lumpen gehüllt wie ein Bettler. Ein Niemand mit vermummtem Antlitz. Eine Gestalt, wie eine Krähe, die andere vom Aas vertreiben möchte. Ein Beobachter, der in diesem Augenblick entschieden hatte einzugreifen. Für Gabriel? Für den Mann aus Mediah? Beide schoben sich im ersten Gedanken die Karte zu, noch jemanden mitgebracht zu haben und der Groll aufeinander wuchs als nicht nur die Klinge vom Rande der Wüste in der Morgensonne aufblitzte, sondern auch poliertes Silber aus den Lumpen schnellte. Das Gischtwasser des Flusses folgte dem Angreifer im Absprung. Dann ging alles ganz schnell.
    Fortsetzung folgt.

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Kommentare 1

  • Dunstherz -

    Waaaaah....Warum? Wieder Open End und Cliffhanger? Ich mag dich nicht mehr!