Lang lebe der Graf

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  • Der alte Graf Damiano Fazzini thront wieder stoisch und mit kühl arrogantem Ausdruck über den Stufen zum ersten Stock des Hauses, in dem er all die Jahrzehnte mit harter Hand regierte. Nur auf Leinwand gepinselt und doch ohne etwas von seiner dezent militanten und auf jeden Fall einprägsam beeindruckenden Aura verloren zu haben. Kunden schätzten ihn zu Lebzeiten für seine geradlinige Herangehensweise an die Geschäfte und die Liebe zu den eigenen Produkten der Gießerei. Die Kanonen allen voran. Etwas, das sein Sohn nie richtig mit ihm teilen konnte, denn Gabriel empfand außer Lärm und der Erschütterung bis ins Mark nichts, wenn die Lunte das Schwarzpulver in der Kammer erreicht hat, außer den Schrecken als Kind und das Unwohlsein um den Zweck des Ganzen bis heute. Das Bildnis seines Vater, schräg über ihm, der nebst dem Maler am Fuße der Stufen steht bringt ihm jedoch eine noch unangenehmere Gänsehaut bei, als jedes Artilleriegeschütz, das je in einen Schiffsrumpf oder auf Wagenräder gepflanzt worden war. "Ist es zu eurem Wohlgefallen, Graf Fazzini?" hakt der Maler mit gezwirbeltem Schnurrbart nach. Der etwas untersetzte Künstler wirkt neben Gabriel klein und pummelig in seinem fleckigen Kutschermantel. Der neue Graf Fazzini hatte schon öfter im Scherz mit sich darüber sinniert, ihn öfter mit sich zu führen, um seiner schlanken Gestalt etwas Gutes vor anderer Augen zu tun. Ihm liegt auf der Zunge es sei schrecklich und somit angemessen furchteinflößend, doch Gabriel spricht nur, "Wüsste ich nicht, dass er tot ist... würde ich glauben er sieht mich in diesem Moment an." Die Stimme verfällt in ein leiseres Flüstern, das in der Aufgangshalle gerade noch zu hören ist. Der Maler missversteht den Gemütszustand des Sohnes des Porträtierten und hebt die Hände an, um mit aneinandergelegten Fingerspitzen zu bitten, "es tut mir leid, es muss ja so schwer sein. Verzeiht meinen Überschwang. Die Restauration war einfach sehr aufwendig." Dabei spielt kein Vermissen mit, sondern das ungute Gefühl diese Adleraugen in irgend einer Verbannung durch Elion selbst wiedersehen und ertragen zu müssen, wenn sein letzter Tag gekommen ist. Gabriel schüttelt den Kopf unter dem prüfenden Blick des kahlen Uniformierten, mit den gestriegelten grauen Haaren über den Ohren. Das wenige Haupthaar ließ sein Vater ständig zurechtstutzen. Die Halbglatze hatte ihm im Alter etwas vom Stolz gestohlen. "Es ist in Ordnung. Ihr werdet wie vereinbart bezahlt und ich lasse euch noch etwas für die rasche Arbeit übergeben, damit ihr euer Atelier ausbauen könnt. Das war doch euer Wunsch, nicht wahr?" Gabriel zwingt sich zu einem schmalen Lächeln, obwohl ihm derzeitig dank so einigem nicht danach zu Mute ist. Der Hauptgrund in dieser Sekunde hängt allerdings an der Wand vor ihnen. Schuld? Ist Schuld nicht etwas für die Schwachen? Der neue Herr des Hauses stellt die Frage stumm an Damiano, der ihm stets erklärte was alles für die Schwachen war. Und das meiste davon liebte Gabriel viel zu früh in seinem Leben. Schon immer viel zu reif für sein Alter im künstlerischen Denken, viel zu rasch mit der Feder für ein Kind und das mit beiden Händen. Dinge, die der Vater am Sohn nie geschätzt hatte und jetzt trägt Gabriel all das Schwarz auf, das Damiano ihm mit Ohrfeigen und mit all den Reisen an schreckliche Orte in die Seele geprügelt hatte.

    Zweiundzwanzig Tage zuvor.

    Ein mal mehr wandert Gabriel den Gang entlang, der sich vor seinen Augen, ob mit oder ohne das Monokel in die Länge zieht, als wolle ihn sein Unterbewusstsein davon überzeugen die Kammer mit dem ewig sterbenden Greis einfach nicht zu betreten. Er muss so viel Älter gewesen sein als Mutter, fiel Gabriel zuletzt auf. Natürlich wusste er von ihren Geburtsdaten, wie auch von jenen vom alten Herren, doch es waren immer nur Zahlen und nie gemeinsam mit der Überlegung in den Sinn gekommen, sie wäre bei einem Mann in ihrem Alter besser aufgehoben gewesen. Gabriel wäre nun der Sohn eines anderen. Vielleicht hätte er einen Vater wie den guten Wellenbart, fiel es ihm ein. Die Kerzen im Flur ließen das Silber auf dem gleichen Tablett golden schimmern. Dieser widerliche Geruch von Ochsengalle, Knoblauch und dem Rest der vemaledeiten Mischung, die Vaters Leben unnötig verlängert wird zur Gewohnheit, je öfter sich Gabriel selbst um die abendliche Darreichung kümmert. Damiano ist jener, der für ihn schon lange nach Tod und Verderben riecht, nicht die Medizin. Doch sterben will er auch nicht. "Vater," spricht er ihn diesmal nach dem Öffnen und wieder verschließen der Tür selbst an. Mit der freien Hand dreht Gabriel den Schlüssel im Schloss um und verriegelt die Tür von innen. Das hat er in letzter Zeit öfter getan um das eine oder andere Wort mit seinem Vater zu wechseln, hat aber gleichsam nie verstanden, weshalb sein Denken ihm dieses Tun jedes Mal aufgab. Die Bediensteten klopfen an, ehe sie eintreten und erscheinen sowieso nicht unaufgefordert, wenn Gabriel oder der Leibarzt beim Grafen sind. "Gabriel," antwortet der Greis mit all den kleinen Altersflecken im Gesicht, die aus den Falten laufen wie blutige Sprenkel. Gabriel fragt sich ein mal mehr, ob er schon immer so eine Hakennase hatte. Schlimmer noch, ob er selbst auch noch damit gestraft sein wird, wenn er älter ist. "Eure Medizin," kündigt der Junge an. "Ach was... wirklich?" Damiano verschluckt sich am Sarkasmus und hustet erbärmlich. Dabei spuckt er kleine Tropfen auf die Decke, die den knochigen Leib, ausgemergelt vom langen Kampf mit der Krankheit aufbauscht, als sei darunter noch ein richtiger Mann zu finden. "So mit mir zu reden, hilft genau so wenig, wie das, was ich euch verabreiche." In Gabriels Tonfall schwingt eine kleine Wut mit. Wut auf seinen Vater, alt und grau wie dieser selbst. Wut auf die Welt, die ihm nicht ein mal das geben kann, wonach ihm der Sinn steht und Wut auf das Schicksal, das nun den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutet weit fort gejagt hat. Viel lieber würde der Fazzini Spross nun wieder bei ihr sein, ihr schönstes Lachen hören, statt bei diesem Mann zu verweilen. Damiano winkt ab, so gut es ihm aus dem Handgelenk noch gelingt. Die Worte, es täte ihm Leid hat Gabriel so lange er sich erinnern kann noch nicht von seinem Vater gehört. Gabriel stellt das Tablett auf dem Nachtschrank ab und zieht den Stuhl herbei um sich zu seinem Vater zu setzen. In Tunika und Hose mit einem schlanken Gürtel in häuslichen, bequemen Stiefeln vor dem Mann der ihm seiner Ansicht nach so vieles angetan hat und nun dahinsiechend im dünnen Hemd vor ihm liegt.

    "Entscheide dich Junge..." presst der alte Herr aus den Lungen über die Stimmbänder. "Für was soll ich mich entscheiden?" hakt Gabriel mit Geduld und gleichsam in Resignation in ungefähr allen Themen mit ihm nach. "Für eine Gräfin Fazzini. Nimm die T..." Damiano hustet. "Thwiggles." Nebst dem Fakt, dass die junge, geschätzte Brünette so aussieht, wie die Familie heißt, gibt es da noch ein großes weiteres Problem. Sie ist nicht sie. "Ich bin noch nicht ein mal Graf, Vater." So einen Widerspruch hätte sich Gabriel vor einem Jahrzehnt nie geleistet und vor einem halben wenigstens drei mal darüber nachgedacht. Eigentlich will der alte Herr ihm das auch verübeln, doch er ist damit beschäftigt zu röcheln und seinen rasselnden Atem mit seitwärts gekipptem Haupt in Gabriels Richtung wehen zu lassen. Er riecht schon wie seine Medizin, gepaart mit dem süßen Duft des Zerfalls und vermutlich hat er sich im Nachmittagsschlaf auch wieder die Tücher eingenässt. Gabriel taucht den Löffel in die Medizin und erhebt sich dann behutsam um sie dem alten Grafen in den Mund zu träufeln. "Bringen wir es hinter uns," spricht der Sohn dem Vater zu. Alle Welt buhlt in Gabriels Augen um die Gunst der Liebsten. Schlimmer noch. Um ihre Haut und ihren Schoß. Mehr nicht. Und dieser Kerl hier will ihm einen Trostpreis andrehen, ihm damit nur sagen, dass er nicht gut genug ist. Etwas, das er selbst schon lange genug vor Augen geführt bekommt. Ein Tropfen fällt in die zur Schale geformte Hand unter dem Silberbesteck, dann rinnt Damiano ein zweiter über die Wange. Den Rest hat er wenigstens geschluckt ohne sich anzustellen. Die Hand Gabriels legt den Löffel ab und langt nach dem Tuch, das auf dem Tablett liegt. Weiße Seide, viel zu schade für die kratzige Wange über dem faltigen Hals. "Haltet bitte still," weist Gabriel Damiano an. Während er seinem Vater sacht die Wange tupft, verwirren sich Gedanken um den Vorwurfsblick. "Sicher glaubst du auch, dass es meine Schuld ist, dass du sabberst..." raunt der jüngere Fazzini zum Alten und blickt tief in die trüben Augen, in denen mit weiteren Worten aus Gabriels Mund Verständnislosigkeit wächst. "Wenn du willst, dass ich um sie werbe und ihr ein Graf bin, der es wert wäre zum Mann genommen zu werden, solltest du aufhören zu sterben, Vater..." Das Tuch gleitet von spitzen Fingern geleitet zwischen die vom Gemisch öligen Lippen. Damiano protestiert mit einem Schnauben und als Gabriel ihm die Finger mit der Seide zwischen die Zahnreihen schiebt, schüttelt der alte Mann den Kopf. "Du wolltest dass ich ein Mann werde, Vater. Ein echter Mann..." Gabriels Lippen beben. Damiano versucht zuerst das Tuch auszuspucken, kommt jedoch in seinem erbärmlich kraftlosen Zustand nicht gegen die Hand seines Sohnes an. Das mehr und mehr vom Speichel getränkte Tuch drückt die Zunge herab. Gabriel entsinnt sich der Worte des Priesters im Park, in Anwesenheit der Baroness und dem Admiral. "Denn was nimmt, muss auch wieder geben, um das Gleichgewicht auf dieser Welt zu wahren." Der Alte begreift nun was geschieht, doch Gabriel betet die Worte des Gesegneten einfach weiter herunter. "Gottgefällig erheben sich die Streiter, auf den Feldern des Todes um im Glockengeläut unserer heiligsten Kirchen in die Knie zu gehen." Die Hand des Erben drückt sich flach auf das Seidentuch zwischen faltigen Lippen. Daumen und Zeigefinger klammern an der hässlichen Hakennase, selbst als in letzter Kraft die knöcherne Hand nach Gabriels Unterarm greift. Der Sohn spürt Übelkeit in ihm aufkommen, bei aller Abscheu dem Alten gegenüber, der ihn nun mit so weit aufgerissenen Augen ansieht. "Du stehst mir im Weg, Vater. Du stehst zwischen uns. Und ich hoffe du bist verdammt, wie es dir gebührt. Verstoßen vom Herrn." Gabriels Hand zittert unter der Anstrengung das Tuch in den Mund, die Nase zu und das Haupt ins viel zu weiche Kissen zu drücken. Unnötig. Damianos Blick verliert sich schon kurze Zeit später am Himmel des Bettes und doch, als Gabriel ablässt, zieht er schwer Luft durch die Nase ein. Panik ergreift den jungen Fazzini, der gerade schon geglaubt hat, seinen Vater umgebracht zu haben und erneut legt sich die Hand als todbringendes Beil für einen sowieso sterbenden über den Mund und die Nase. "Mach es mir nicht so schwer," fleht Gabriel.

    Die Zeit steht still, bis Damiano letztlich jedes Leben ausgehaucht hat. Sein Sohn begreift schon nicht mehr, ob es Sekunden oder Minuten waren, bis er die Hand erneut heben kann und sich sicher ist, dass es vorbei ist. Eine unheimliche Stille legt sich in den Raum und um Gabriels tauben Geist. Dann kehrt die Übelkeit wieder und der Erbe sinkt zurück auf den Stuhl, mit starrem Blick auf den Mann, der ihm die Jugend und die Kindheit verdorben und gestohlen hat. Hätte er nicht sowieso schon vor Liebeskrankheit kaum etwas essen können, hätte er sein Mittagessen noch ein mal überdacht. So bleibt nur die Leere im Herzen und im Magen. Die Dunkelheit, die draußen schon über den Dächern lag, scheint in ihn gewandert. Vorsichtig, als könne man einem Toten noch Leid antun, zieht Gabriel das Tuch zwischen den Zähnen des Mannes hervor und erhebt sich damit erneut. Damianos Körper ist nur noch eine starrende Hülle, mit offenem Mund und leeren Augen. Der erste wirklich friedvolle Moment, an den Gabriel sich ironischerweise entsinnen kann. Auf dem Weg zur Tür wirft der Erbe das Tuch in den Kamin. Die Seide fängt rasch Feuer über den lodernden Scheiten und bis der junge Mann den Türknauf dreht, ist nur noch wenig übrig. Gerade als Gabriel die Pforte öffnen und in den Flur treten will, steht der oberste Diener mit einer leeren, gesäuberten Bettpfanne vor der Tür und verneigt sich sofort vor Damianos Spross, doch Gabriel sieht ihn nur mit leerem Blick an und geht mit den Worten an ihm vorüber, "schlagt die Glocken, Graf Damiano Fazzini ist tot." Noch zwei Schritte in die neue Einsamkeit, dann wispert er für sich im Stillen, "lang lebe der Graf."

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Kommentare 2

  • Dunstherz -

    Wow, einfach fesselnd geschrieben. Ich finde deine Art des Ausdrucks immer wieder beeindruckend und neide ein wenig, so nicht schreiben zu können.

    • Wellenschlag -

      Du übertreibst und schreibst viel besser. <3