Vom Wachstum der Bäume

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  • Die Sonne stand bereits hoch, als die beiden Kinder über den hellgrünen, gepflegten Rasen liefen, weit hinaus,
    weit hinein in die Verwinkelungen und Verflechtungen des üppig gepflegten Gartens, der das Anwesen der
    Familie umgab. Die Liebe zur Natur, zur gezähmten Natur, spiegelte sich in den großen Rosenbüschen, den
    bunten Stauden und gestutzten Hecken wieder. Weit im Süden, in einem Bereich, der vom Haus aus nicht
    besonders gut einsehbar war, stand ein alter Kirschbaum, dessen Tage schon gezählt waren. Bald würde man
    ihn fällen müssen, da er bereits jetzt seine Äste zu weit über die Mauern des Gartens streckte und im Spät-
    sommer Kirschen auf der Straße verlor, die von Pferdekutschen zerquetscht wurden und rot aufplatzten.

    "Mama hat heute Abend wieder Gäste, es wird grauenhaft. All die Onkel und die Tanten kommen her."
    Calvaras seufzte und kam zuerst am Kirschbaum an und tastete mit seiner Hand nach der kühlen Rinde
    Es war erst Juni, Anfang des Sommers, aber schon jetzt sehr warm. Lavellan folgte ihrem Bruder und
    musterte ihn kritisch. Obwohl er knapp 3 Jahre jünger war als sie, überragte er sie bereits jetzt in
    seinem Wuchs - ein blonder, schlanker Bursche von 9 Sommern. Schon jetzt glitzerte in seinen hellen
    Augen der Schalk, der ihn in späteren, erwachsenen Jahren sehr attraktiv machen würde. Oftmals hatte
    Lavellan das Gefühl, neben ihm zu verblassen, wie eine Kohlezeichnung, die man einfach nicht mit
    Farbe füllen konnte. Sie war immer blass, kränklich, immer etwas mager - und deutlich schüchterner.
    "Willst du dich etwa drücken?", fragte sie und berührte jetzt auch den Stamm des Kirschbaumes.
    Er schnaubte kurz. "Du glaubst doch nicht, dass die Gouvernante dies zulassen würde? Ich würde viel
    lieber mit Vater gehen, nach Mediah oder Heidel reisen. Eines Tages werd' ich so sein wie er. Verstehst
    du, Lavellan? Das Leben ist zu kurz, um sich auch nur eine Stunde zu langweilen!" Und fast so, als wolle
    er seine Worte unterstreichen, sprang er hoch, griff einen dicken Ast und zog sich geschickt daran
    hinauf. Lavellan sah ihm mit gehobenen Augenbrauen hinterher. "So sein wie er.", wiederholte sie
    langsam, nachdenklich. Sie selbst zögerte, es ihrem Bruder gleichzutun. Die Governante hatte ihnen
    verboten, auf Bäume zu klettern. "Nur tun, was ich will.", rief Calvaras von oben. "Und wollen, was ich
    tu." Er hatte sich auf einen der dicken Äste gesetzt, seine schlanken Beine baumelten in der Luft.
    Sie lächelte und musterte ihn von unten, ihn, auf dem Kirschbaum, sonnengebräunt, grinsend, mit
    Lichtflecken auf dem hübschen Kindergesicht. Gleichzeitig musste sie an ihren Vater denken.

    "Bäume, und alle höheren Pflanzen, streben nach Licht, Lavellan. Sie brauchen es für ihr Wachstum.
    Nur mit Licht kann aus einem Setzling ein kräftiger Baum werden, mit starkem Stamm, dichter Krone
    und üppigen Wurzeln, die jedem Sturm standhalten. Allerdings...!" Achilles Carvain machte eine
    bedächtigte Pause. "... allerdings kann Licht auch tückisch und trügerisch sein. Es kann von vielen
    Richtungen kommen, Schatten können das Licht abfälschen oder falsch spiegeln. Und dann wächst
    ein Baum schief und krumm und in alle Richtungen. Und weißt du, was dann passiert?" Schweigen.
    "Er bricht, Lavellan. Er bricht und stirbt. Deswegen muss man schon früh beginnen, in jungen Jahren,
    die Bäume an kräftige Pfähle zu binden. Natürlich muss man darauf achten, die Rinde nicht zu ver-
    letzen. Aber die Seile müssen eng genug sein, fest genug, dass der junge Baum nur in eine Richtung
    wächst. Gerade. Zum Licht unseres Herren. Hinein in Elions Himmelreich. Genährt durch ihn allein."
    "Aber Vater. Was ist ... wenn ich trotzdem breche.", ihre Stimme klang schüchtern, ängstlich.
    Achilles kniete sich vor seine Tochter, ergriff ihre schmalen, schlanken Schultern und hielt sie fest.
    "Du brichst nicht. Du bist aus Carvain-Holz. Kein Sturm der Welt kann dieses Holz biegen oder brechen.
    Du wirst tiefe Wurzeln schlagen, du wirst deine Krone weit in den Himmel strecken. Du brichst niemals."


    "... oder reiten mit dem Wind! Und eines Tages...!", riss Calvaras Stimme sie aus ihren Gedanken.
    "... werde ich die schönste Prinzessin heiraten!" Lavellan blinzelte erstaunt. Und schließlich streckte
    sie ihren schmalen Körper, griff nach einem Ast und zog sich langsam und vorsichtig, und bei weitem
    nicht so geübt wie ihr Bruder, auf einen der Äste hinauf, die ihr Gewicht mühelos trugen. Sie sah ihn
    mit großen, dunklen Augen an, wie er dort auf den oberen Ästen kletterte, mühelos, sorglos und frei,
    dann seufzte sie lautlos und senkte den Blick, die Finger puhlten an an einem Stück abstehender Rinde
    herum. "Ich glaube nicht, dass mich je ein Prinz heiraten will.", meinte sie bekümmert. Calvaras, der
    schon immer ein feines Gespür für die Stimmungen seiner Schwester gehabt hatte, sah zu ihr herunter,
    dann gab er seine erhöhte Königsposition auf dem Baum auf und kletterte zu ihr hinüber. Setzte sich
    neben sie auf den Ast und lächelte dann leicht. "Ach. Dann heirate ich dich einfach.", erklärte er
    freimütig und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sie sah ihn an und lächelte ebenfalls. "Aber nur",
    fügte er hinzu. "wenn du heute Abend für mich aufbleibst, damit ich keine Alpträume bekomme."
    Lavellan runzelte lächelnd die Stirn. "Aber dann schlafe ich ja gar nicht?" Calvaras grübelte kurz ehe
    er die Augenbrauen anhob. "Naja, dafür bleib dann übermorgen wach. Abwechselnd. Versprochen?"
    "Versprochen." Sie lehnte sich an ihn. "Calvaras?" "Ja?" "Nichts kann uns trennen, versprochen?"
    "Versprochen."

    Bunte, helle Kinderschwüre, wie kleine Bonbons. So süß und so köstlich, dass sie einem den Mund
    verschlossen, sodass man den bitteren Nachgeschmack erst bemerkte, wenn man erwachsen war.
    Und manchmal, wenn man nichts anderes mehr hatte, begann man wieder, an sie zu glauben.
    BERNSTEIN
    Eine Heimat für Rollenspieler

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