Wasser im Blut

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  • "Du schlägst noch gegen die Bordwand, weg vom Schiff! Welleee!" Rawson kommt gar nicht erst dazu, auf die zugerufene Warnung der Shai von oben zu reagieren. Der Spross des Kapitäns versucht das schäumende Nass zu durchblicken. Er hat Remingtons Augen, sagte seine Mutter stets. Elion habe sie selig. Das Meerwasser schlägt dem Welpen des Seewolfes wie aus Eimern ins Gesicht. Dann, mit einem dumpfen Pochen der Eimer selbst. Rawson wird für einen Herzschlag lang schwarz vor Augen. Unter ihm nur Wasser und lange nichts. Dann schroffer Fels. Der Schwimmende schnappt nach Luft und atmet schwer ein. Salz brennt in der Lunge. Und als Rawson wieder etwas sehen kann, ruft er Pearl entgegen, "Au! Was sollte das denn?!" "Treibgut!" lautete ihre logische Antwort kurz vor dem nächsten "Welle!" Und wieder schluckt Rawson Meerwasser. Rico, der haarigste Seemann der Mannschaft fischt den Eimer an Bord der Flunder. Ein kleines Ruderboot von Remingtons Schiff, das Pearl unbedingt taufen wollte. Sie sucht sich immer hässliche Fische aus, um etwas zu benennen. Warum die wahnsinnige Shai im Hafenbecken eine jungen Mann dauertauft, der gefühlt drei mal so groß sein muss wie sie, ist denn Arbeitern am Steg schleierhaft. Lustig ist es allemal anzusehen und die Traube wird nicht kleiner. Der zottelige Bär neben Pearl bringt nicht nur das Ruderboot in schieflage, er hat auch noch einen Einwand. "Reicht das nicht langsam, Pearl?" "Treibgut!" schallt die Antwort vom hohen Stimmchen. Diesmal bekommt Rico den leeren Holzeimer ins Gesicht. Zuschlagen kann sie nicht, aber werfen, das ist ihr Ding. "Es reicht wenn ich sage, dass es reicht," stellt sie klar, während Rico sich mit einem Ächzen die flache Hand auf die Nase presst.

    Pearl beugt sich über und winkt Rawson mit den kleinen Fingerchen näher heran. Er hält sich am Holz fest und nutzt den Augenblick für tiefe Atemzüge. Da verdunkelt sich sein Himmel, weil Pearl Nase an Nase vor dem jungen Menschen Mitte zwanzig innehält und ihn mit geschlitzten Augen an stiert. Ihre hochseeblauen Strähnen liegen auf seinen Wangen. "Weißt du, warum man mich die Barmherzige nennt?" zischt das kleine Seeungeheuer. "Nicht mal der halbe Aal den du gestern übrig gelassen hast nennt dich so..." motzt der Zottel am Bug und fühlt noch immer am Nasenbein entlang, als ob ein Bruch weniger sein Gesicht hätte retten können. "Nein?" Rawson mutmaßt das nur atemlos, damit sie redet, statt ihn weiter zu misshandeln. Oder zu lehren, wie Pearl es nennt. "Schnauze Rico... Weil ich dich vorwarne Rawson. Das Meer ist nicht so freundlich, wenn es einen schlechten Tag hat." Wenn Pearl die Lider noch enger schließt, sieht sie nichts mehr. Da schlagen Rawson plötzlich zwei Shai Patschehände ins Gesicht und die Kleine versucht den Großen spärlich bekleideten Menschen mit ihrem Gewicht unter Wasser zu drücken. Während der planscht und wieder nach Luft ringt, kommt dem Jungen des Kapitäns der rettende Einfall. Er umfasst ihre Unterarme und schenkt ihr den Erfolg. Rawson geht unter, Pearl fällt von Bord und Rico bricht in schallendes Gelächter aus. Die Arbeiter an Land ebenso.

    Als sich beide rudernd an der Oberfläche endlich wieder in die Augen sehen können, blickt Pearl sich verdutzt um. Rawson hingegen will ins Boot. Eigentlich möchte die Shai ihm sofort eine verbale Erniedrigung ans nasse Ohr voller Salzwasser binden, aber dafür ist es zu spät. Sie muss selbst lachen. Offen, herzlich und ganz ihrem Blute ähnlich. Sie bleibt eben doch ein Mädchen aus Florin, in dem ihresgleichen sie nicht verstehen wollten. Rawson tastet über die neue Narbe an der Flanke, als er sich endlich ins Boot retten konnte. Wie schnell sie sich geschlossen hat, denkt er bei sich.

    Als die Männer in der ihrerseits aufkommenden Barmherzigkeit für Pearl nach ihrem Mantel greifen, um sie ins Boot zu holen, drängt sich eine mittelhoch gewachsene Schönheit mit dunkler Haut und reichem Stahlschmuck im Gesicht zwischen den Arbeitern hindurch an die Kante des Steges. Das sorgt bei den Packern und Bootsbauern für so manchen dreisten Spruch, den sie einfach ignoriert. Keiner traut sich sie, ihren Säbel oder das rote Tuch mit Stickmuster über dem lockigen Haar auch nur ansatzweise zu berühren. "Na aber Hallo... Ganz der Vater," bewertet sie Rawson mit einem kessen Zwinkern, das er aus der Distanz mit Wasser an den Wimpern, in denen sich das Sonnenlicht bricht sicher nicht ein mal sehen kann. "Wenn ihr drei fertig seid mit... Was auch immer, dann kommst du mit Rawson. Wir beide machen einen kleinen Ausflug über Nacht." Durch die Arbeitermeute geht ein Raunen. Und irgendwo fällt das ungehörte Angebot ihn zu ersetzen. Während Rawson nur ein unwissendes," Ah... Ja, gut, " gen Steg ruft und die Schwarzhaarige von dannen zieht, lacht Rico dreckig. Pearl sieht Rawson mit eingekniffenem Mundwinkel an und mahnt ihn gönnerhaft, "jetzt nur keine Stufe bekommen." Rico, von dem sie den Quatsch hat erhebt Einspruch. "Das heißt Stei.." "Du sollst mich nicht ständig korrigieren! Ich bin hier erster Maat Pearlana. Nicht Du! Ich Pearlana, du Rico." Thema vom Tisch. Rawson muss wieder ins Wasser.

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