Wein und Schokolade

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  • Kapitel 2:
    Wein und Schokolade





    Mit der Karawane kamen wir endlich an den Toren der Burgstadt Heidel an. Ich gab dem guten Karawanier, der uns mitgenommen hat, ein paar Münzen und hüpfte von dem Wagen. Mein Gefährte tat mir gleich und folgte mir hinein in die Stadt. Freundlicherweise nickte einer der Wachmänner uns sogar zu, weshalb ich ihm ein höfliches Lächeln schenkte. Mein Gefährte tat das Gegenteil: Er warf einen bedrohlichen Blick auf die Wache.
    „Wie unnütz. Begegne den anderen mit Höflichkeit und Freundlichkeit und vielleicht wird dir das irgendwann zurückgezahlt.", flüsterte ich tadelnd.
    „Oder du wirst bestraft."
    „Verwechsle Freundlichkeit nicht mit Naivität, mein Lieber."
    Wir verließen den rau gepflasterten Weg und betraten direkt den runden wie vollen Marktplatz mit der großen Statue in der Mitte. Wie auf der großen Marktstraße der Stadt fand man auch hier alles: Ein paar Darsteller, die der hart arbeitenden Bevölkerung die Münze aus der Tasche ziehen wollen, ein zu alter, reicher Mann der eine junge Frau erfolgreich für sich gewann und viele Händler. Mein Gefährte übernahm die Führung und arbeitete sich durch die Menge ohne Probleme. Seine Präsenz hatte durchaus einen einschüchternden Effekt, wenn er es wollte. Das machte ich mir in solchen Orten sehr gerne zu nutze. Während er uns durch die Straßen leitete, hielt ich nach einem passenden Gasthaus Ausschau.
    „Sieh dir die an. Sieht doch nett aus.", sagte ich irgendwann und zeigte auf ein Gasthaus mit einem Schild, was ein Weinglas zeigte. Wie einfallsreich.

    Zum Roten Weinglas
    ? Klingt zumindest so unauffällig wie unkreativ."
    Mein Gefährte nickte bestätigend und ging voraus. Dieses Gasthaus lag zwischen der Marktstraße und dem Marktplatz mit einem mehr oder weniger verstecktem Eingang.
    Er öffnete die breite Tür und wir fanden uns in einem mehrteiligen, großen Raum wieder. Die dominante Farbe war blau, besonders durch die dekorativen Aquarien direkt im Tresen gegenüber von der Eingangstür. Links neben dem Tresen waren drei flache Treppenstufen nach unten in einen zweiten Raum mit den größeren Tischen, hier oben gab es kleinere Tische. Überall hingen Bilder von Meeren oder Seen, ansonsten Wandkerzen. Hinter dem Tresen stand eine junge wie hübsche Dame mit langen, braunen Haaren und intensiven, grünen Augen. Ein richtiger Blickfang. Dennoch gab es hier nur wenige Kunden, was vermutlich am Standort lag.
    „Willkommen, willkommen! Bitte nehmt Platz.", grüßte man uns mit einem eingespielt goldigen Lächeln.
    „Gerne. Wir gehen unten hin, bring uns doch bitte direkt eine Flasche Blutbeeren-Rotwein, der aus Calpheon.", erwiderte ich und ging mit meinem Gefährten hinunter in den größeren Raum.
    Wir nahmen Platz direkt am Fenster, wo man nur ein bisschen von der Marktstraße sehen konnte. Unser Wein kam sofort mit zwei Gläsern. Anscheinend hatte das Goldstück hinter dem Tresen auch ein Auge für Münzen, sonst wären wir nie so schnell bedient worden. Vorsichtig schüttete ich uns ein Glas ein und lächelte meinen Gefährten an.
    „Jetzt müssen wir durchgehen, wer alles davon wusste.", kam mein Gefährte und Leibwächter sofort zum Geschäft. Er rührte sein Glas auch nicht an.
    Ich nahm zuerst einen genüsslichen Schluck von dem guten Wein und sah wieder aus dem Fenster.
    „Es sind nicht viele. Die meisten davon gehörten auch der Kirche an. Immerhin war das ein frevelhafter Gegenstand der verschwinden sollte."
    „Ja...Stimmt. Aber nicht frevelhaft genug um zerstört zu werden, nicht?"
    „Kannst du es ihnen übel nehmen? Wer würde eine Waffe mit solch einer Macht zerstören wollen? Aber wir schweifen ab."
    „Wir haben sowieso nicht alle Namen im Kopf."
    „Wir haben aber jetzt ein dauerhaftes Problem bis es gelöst ist. Keine Pause bis wir wissen, wer den Dolch hat."
    Endlich gönnte er sich auch einen Schluck vom Wein und lachte etwas verzweifelt. Er hasste diese ganzen Intrigen und Phantomjagden. Ich wusste, er bevorzugt ein klares Ziel, einen klaren Weg. Leider gab es sowas selten in meiner Nähe.
    „Unser nächster Schritt wird also folgender: Auf nach Calpheon-Stadt und da treffen wir zuerst einen Kontakt aus dem Bettlerviertel bevor wir dem Kontaktmann aus der Kirche gegenüber treten. Können wir ihn beweisen, dass wir den Fehler ausbügeln können, hauen sie mir nicht so hart auf die Finger."
    „Sicher werden sie dich sofort sehen wollen."
    „Deshalb habe ich ja dich. Du reist vor mir in die Stadt und triffst den Bettler Kontakt."
    „Ich soll dich also alleine lassen? Der oder die Mörder könnten es auch auf dich abgesehen haben."
    Locker winkte ich ab und nahm einen weiteren Schluck.
    „Kann sein. Aber ich bin ja kein zerbrechliches Blümchen. Einen oder vielleicht zwei Tage überlebe ich ohne dich."
    „Was soll ich mit diesem Bettlerkontakt besprechen?"
    „Geh es einfach offensiv an. Frag ihn direkt nach dem Mörder."
    „Wie bitte? Warum?"
    „Dann weiß er, und in wenigen Tagen auch die ganze arme Bevölkerung, dass nach einem Mörder gesucht wird."
    „Aber dann wird er untertauchen und wir haben keine Chance, ihn zu finden."
    „Richtig, aber nur temporär. Der Dolch ist heiß und muss früher oder später den Besitzer wechseln. Wenn er ihn nicht selber nutzen will. Das glaube ich aber nicht. Bestimmt ist der Mörder nur der Beschaffer. Wie dem auch sei, wir haben dann Zeit uns vorzubereiten. Die brauchen wir. Ich bin mir sicher, die Diebe haben einen fast makellosen Plan, den Dolch wegzuschaffen selbst wenn wir übliche Gegenschritte einleiten. Deshalb leiten wir unübliche Gegenschritte ein."
    „Hört sich zwar gut an, aber du setzt da auf viele unbekannte Faktoren und auf bestimmte Reaktionen. Wenn eines davon nicht ist, wie du es erwartest, dann haben wir ausgespielt."
    Ich zuckte mit den Achseln und lehnte mich ihm Stuhl etwas zurück während ich meine Beine übereinander schlug. Das goldige Tresenmädchen bemerkte meinen Blick sofort und kam hinüber.
    „Habt Ihr auch ein wenig Schokolade hier? Pralinen. Mit Mandeln?"
    „Natürlich die Dame."
    „Davon hätte ich gerne... mmh, sagen wir zehn. Zehn ist eine gute Zahl."
    Sie verbeugte sich und eilte davon um meine Wünsche zu erfüllen.
    „Bestimmt haben alle Gäste dieser Woche nicht so viele Münzen verschwendet wie du in einer Stunde.", seufzte mein Gefährte.
    „Ich habe doch genug. Geben und nehmen, mein Sonnenschein."
    Erneut wurden wir rasant bedient und die von Zucker und Schokolade umhüllten Mandeln sahen nicht schlecht aus auf dem feinen Teller. Ich nahm meinen Münzbeutel von meinem Gürtel und bezahlte das gute Mädchen sofort, mit einem großzügigen Bonus für sie. Sie bedankte sich breit lächelnd und bediente dann die nächsten Gäste.
    „Nicht ganz. Selbst wenn eine Sache nicht läuft wie geplant, können wir noch improvisieren. Wir brauchen aber Zeit."
    „Ja, brauchen wir."
    Nun starrte er aus dem Fenster während ich meine Pralinen genoss. Als mein Gefährte sich auch eine krallen wollte, haute ich ihm auf die Finger.
    „Verschwendete Münzen.", wiederholte ich ihn.
    Leider hielt ihn das nicht auf und so nahm er sich einfach eine.
    „Manchmal wünschte ich, ich hätte einfach deine Berufung angenommen. Leibwächter einer schönen, reichen Frau. Wenig Arbeit und trotzdem leben wie der Adel."
    „Der Weg bis zu dir war lang. Und du bist nicht nur eine schöne, reiche Frau sondern auch sehr anstrengend und in gewisser Weise ekzentrisch. Welcher Adlige bemüht sich denn selbst zu einem Mordschauplatz um ihn zu inspizieren?"
    „Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Wenn du willst, dass was gut gemacht wird, mach es selbst."
    Er gönnte sich eine weitere Praline und wusch die mit etwas Wein hinunter.
    „Wein und Schokolade...", murmelte mein Gefährte lächelnd. „Dekadenter geht es kaum."
    Sein Lächeln fand den Weg zu mir und demonstrativ vernaschte ich eine Praline, dann stießen wir gerade zu perfekt an und kippten den Rest vom Glas hinunter. Wenigstens ein noch weniger stressiger Abend vor der eigentlichen Arbeit.

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