Empathie

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  • Nie zweifle ich daran, dass es in jedem Menschen Gutes gibt. An Abenden wie diesen wurde dieser Glaube auf die Probe gestellt. Sinnlose Gewalt herrschte in einer Taverne Calpheons irgendwo unter der Brücke direkt vor dem Demi. Jeder schlug auf jeden mit einer Wut, die so nicht genutzt werden sollte. Ich navigierte mich durch die wütenden Schläger mit gezielten, tänzerischen Schritten. Mal musste ich fliegenden Flaschen ausweichen, mal gerade verprügelten Taumlern und mal aggressiven Schlägern, die nur noch blind um sich schlugen. Doch das war ein Spiel, welches ich kannte zu spielen. In vielen Schlägen sah ich die Frust der Menschen, das Leid, und manchmal vielleicht unverhohlene Wut, die eigentlich nicht dem Ziel der Faust galten. Immer wieder tat mir jeder der Beteiligten Leid. Mein Aufpasser hingegen empfand in dem Moment kein solches Mitgefühl. Wenn er die Faust schwang, dann gezielt und effizient brutal. Wenn er traf, gab es mindestens einen gebrochenen Knochen, meistens mehr. Der Mann mit den braunen Haaren blockierte einen Schlag gezielt auf sein Gesicht mit dem ganzen Arm und entgegnete dem Angreifer mit einem schnellen Hieb gegen die Nase, gefolgt von einem Schwinger gegen den Kiefer. Mein Aufpasser blieb aber nicht unverschont, er musste bereits einige Schläge einstecken, im Gegensatz zu mir. Es überraschte mich nicht, er war größer, keine Frau und letztendlich weniger wendig als ich. Das perfekte Ziel für den übermutigen, betrunkenen Schläger der Frust abbauen wollte.
    "Der nächste, der mich angreift, dem breche ich das Genick...", murmelte er vor sich hin während wir versuchten aus dem Chaos zu entkommen.
    Wir schafften es ohne weitere 'Vorfälle', wenn auch draußen einige Schläger weiter machten. Aber sie wussten es besser als sich mit dem Mann an meiner Seite anzulegen. Dieser hatte bereits einen Blick aufgelegt, welcher mehr als furchterregend war.
    Einmal außer Reichweite der dreckigen Taverne, inmitten den Straßen der ach so prächtigen Stadt Calpheon, blieben wir endlich stehen. Links von uns befand sich eine Brücke, dessen Torbogen uns gerade zu einlud, mal auf den Demi von dort aus zu schauen. Rechts befanden sich weitere Gebäude und hinter uns lagen die nun leeren Holzstände des Marktes. Die Markstraße der roten Stadt.
    "Ein paar Flecken aber nichts schwerwiegendes.", flüsterte ich dem Mann an meiner Seite zu während ich meine Hand durch sein geschlagenes Gesicht streifte.
    Er blieb ruhig und zuckte nur ein paar Mal, dann packte er plötzlich mein Handgelenk und entfernte meine Hand aus seinem Gesicht.
    "Darum brauchst du dich nicht sorgen. Gehen wir.", murrte er und eilte voraus.
    Ich blieb kurz stehen und seufzte, folgte dann aber genau so eilig. Keine leichte Aufgabe sollte dies sein, bedenkt man, dass er beinahe doppelt so groß war wie ich.
    "Es tut mir immer im Herzen weh, wenn Menschen sich auf diese Art und Weise verletzen. Eigentlich versuchen sie nur..."
    "Bitte Tess, erspar mir jetzt deine Predigten. Ich will nichts gutes vom Mensch und den Schmerzen des gewöhnlichen Mannes hören. Jeder hat auf Leder zu beißen, und die meisten gehen damit einfach falsch um, was daran liegt, das die meisten einfach so dumm, wie das Gestein, Holz, oder Vieh womit sie arbeiten, sind. Das brauchst du mir nicht zu erklären."
    Ich war etwas geschockt von seinem aggressiven Ton und schwieg deshalb auch schön. Vielleicht hatte er ja recht, vielleicht war die 'Dummheit' der meisten der Grund, dass sie so wenig Empathie für ihr Gegenüber empfanden. Diesen Gedanken versuchte ich aber schnell wieder aus meinem Kopf zu streichen. Die wenigsten Menschen empfanden gar kein Mitgefühl. So eine Schlägerei war nur der Beweis dafür, dass etwas mit allem nicht stimmte. Die meisten von ihnen waren wahrscheinlich arm und wurden auf unmenschliche Art behandelt, unfair und gnadenlos. Sie wollten vielleicht einfach nur respektiert werden und ließen ihren Frust in den Schlägen aus, die sie heute Nacht verteilten. Eine temporäre Lösung, die ihnen am Ende nur mehr Ärger und Leid einhandelte.
    "Bitte geh nicht so schnell, du weißt, ich habe nicht so lange Beine.", bat ich den Mann vor mir irgendwann während er mich durch die Handwerkerstraßen der Stadt hetzte.
    "Ich will mich jetzt ausruhen, Tess, verstehst du das? Während du schön unversehrt geblieben bist, habe ich ein paar auf die Nase bekommen. Da kannst du dich jetzt wenigstens ein bisschen..."
    Als er meinen vermutlich verdutzten Gesichtsausdruck sah, rieb er sich die Nasenwurzel und seufzte tief, ehe er die Hände in die Hüfte stämmte und durch die Luft sah. Dann fand er wieder Worte:
    "Es tut mir Leid. Aber ich will jetzt wirklich schlafen. Das verstehst du bestimmt. Im Gegensatz zu vielen besitzt du genügend Empathie um sowas zu verstehen."
    Ich nickte und legte die Hände vor mir übereinander. "Ja...ja, ich verstehe. Tut mir Leid."
    Er lachte und legte mir eine Hand in mein Gesicht um mein Kinn zu heben damit ich ihm in die Augen schaute.
    "Wenn jeder so wäre wie du, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber du musst verstehen, dass dies nicht so ist. Habe nicht immer Mitleid mit jedem, manche Personen sind einfach verdorben."
    Ich nickte leicht, doch musste ich darüber nachdenken. Wie sollte ich das nur verstehen? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Mensch bewusst anderen Leuten Leid zufügte und dabei noch Spaß hatte. Es war etwas, was mir nicht in den Kopf gehen wollte. Dafür musste es einen Grund geben. Jedes intelligent denkende Wesen wurde mit Empathie geboren, dessen war ich mir sicher.
    Und ich werde nicht ruhen bis wenigstens ein paar Personen die Augen geöffnet haben. Bis sie die anderen sehen. Denn so will ich die Welt verbessern...
    Doch zuerst sollte ich diesen Abend verbessern.
    „Ich glaube, ich habe noch diesen teuren Wein aus Heidel.", rief ich meinem Aufpasser hinterher und holte im Laufschritt auf.
    Der große Mann begann breit zu lächeln und leckte sich sogar über die Lippe. Vermutlich werde ich nichts von dem Wein bekommen.









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