Die Flucht

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  • Da war sie nun, wie die Maus in der Falle und die Wände schienen immer näher zu kommen bei jedem ihrer raschen Atemzüge. Wie sollte sie entkommen? Welchen Weg gab es noch? Das hölzerne Tor war eines, aber dahinter lauerte er nur darauf sie zu haschen. Der zweifarbige Blick huschte umher, dann griffen die Finger in die Haare und bändigten die kastanienbraune Flut mit einem achtlos zur Seite geworfen und nun wiedergefundenen Haarband. Sie hatte keine Wahl, sie musste hier raus und zwar auf dem einzig möglichen Weg. Bedacht schlich sie auf leisen Sohlen zur Pforte und hielt ihr Ohr daran. Stimmen? Gepolter? Irgendein Geräusch was ihr Aufschluss geben konnte über das, was den Augen verwehrt war? Nichts, die Bande schien ausgeflogen zu sein. Wie enttäuschend! Ein sachter Druck auf das hölzerne Gebilde, sie würden doch nicht etwa versäumt haben dem Tor einen Riegel vorzulegen oder das Schloss abzuschließen? Aber nein, natürlich gab es nicht nach. Es wäre zu einfach gewesen, zu leicht zu entkommen und man unterschätzte die kleine Abenteurerin nicht: „Verflixt!“ Was nun? Die Miene verfinsterte sich bis zum rettenden Einfall und schon haschten die Finger nach den Nadeln im Haar mit denen man sie zuvor versuchte zum Reden zu bringen. Ihre Foltermeisterin war gut, aber sie war nicht zu brechen und da war es gleich ob sie ihr die Brust einschnürten oder anderes grausames Handwerk ausübten. Mit wenigen Handgriffen bog sie sich das gute Stück zurecht und stocherte alsbald im Schloss des Tores herum. Kaum erwarten könnend das leise Klicken der Erlösung und sie musste für ihr erlerntes Können lange darauf warten, aber es kam und vorsichtig wurde die Klinke gedrückt um durch den kleinen, sich öffnenden Spalt nach draußen zu spähen.

    Elion möge ihr beistehen und die Wache gerade zur Ablösung gewechselt haben oder vielleicht gar noch abwesend sein. Aber da war er mit seinem Schmerbauch, die Hände darüber gefaltet, den Kopf mit den wenigen Haaren an die steinerne Wand gelehnt. Er war riesig, er war fähig sie nur mit einer Hand am Kragen heraufzuheben und sie wieder in dieses Gefängnis zu sperren. Und ja, sie wusste sehr wohl, dass sie ihr dann eine Flucht unmöglich machen würden. Jetzt war der einzige Zeitpunkt entkommen zu können, sie hatte nur diese eine Chance. Das Herz flog in raschen Schlägen in ihrer Brust, sie musste an dem Ungetüm vorbei und dann würde es nicht besser werden. Denn das Überwinden der Klippe mit ihren scharfen Kanten stand ihr noch bevor. Ruhig bleiben, jetzt nicht nervös werden, sie passte fast durch den Spalt nur noch ein Stück weiter aufmachen und das Bein hindurch strecken. Der Freiheit so nah huschte ihr Blick vom hölzernen Ding zum schlafenden Wächter und dann gefror ihr das Blut mit einem Schlag in den Adern. Ein Quietschen! Dieses verfluchte Scharnier! Vollkommener Stillstand, ihre Augen heften sich an das Gesicht des Bauchträgers. Schlaf', schlaf' weiter, murmelte der Verstand ihr zu. Er rührte sich, sie war verloren. Sekunden wurden zu gefühlten Stunden. Keine Rührung weder wieder hinein, noch weiter. Fieberhaft ging sie ihren Plan durch, sie würde, so er sie sah, rennen und alles auf diese Karte setzen. Aber wo sie fünf Schritte machen musste, würde er nur einen brauchen und die Möglichkeit dann noch zu entkommen war gering. Ein Schmatzen, ein Kratzen am Hintern, dann verwob der Wächter ohne auch nur einmal die Augen geöffnet zu haben die Hände wieder. Sie war noch verborgen! Das Glück endlich einmal auf ihrer Seite.

    Der Spalt war groß genug um dem Verlies entkommen zu können und sie kannte jede lose Holzbohle auf dem Steg hin zur Klippe. Noch so ein Fehler wie mit dem Tor würde ihr nicht passieren. Erst einmal ums Eck herum und sie war auch aus dem ersten Blick des Wächters verschwunden. Doch noch galt es nicht aufzuatmen. Schon stand sie an der Kante zur Schlucht herab, die zu überwinden es zur absoluten Flucht galt. Wagen herabzusteigen? Ungesichert? Immer die Gefahr im Nacken abzurutschen und den freien Fall zu riskieren? Nur eine Wahnsinnige würde dies tun! War sie wahnsinnig? Nein, nein sie war nicht soweit gekommen um dann hier zu scheitern und wieder in unsägliche Gefangenschaft zurück zu müssen. Das fallende Wasser kam ihr ins Blickfeld, eine Möglichkeit. Sie könnte hineinsteigen und herabrutschen im glatt geschliffenen Bett des Wassers? Was aber, wenn sich auch dort Kanten, Steine und anderes verbarg was sie jetzt noch nicht sehen konnte? Sie musste das Risiko eingehen. Schon schwang sie ein Bein über die Kante, dann ging alles ganz schnell. Welch Rutschpartie, sie kam kaum zu Atem und schon landete sie unschön auf dem Hintern und die wehenden Röcke zeigten die lange Pluderunterhose. Geschafft! Sie war aus dem Verlies entkommen, hatte die Klippe der scharfen Kanten genommen und sah sie bereits die wilde Freiheit. Nur noch wenige Schritte, sie rappelte sich auf. Entkommen! Frei! Welch Wohlgefühl breitete sich in der Brust aus.

    Jetzt konnte sie niemand mehr aufhalten! Glaubte sie zumindest, aber das Glück verließ sie in just diesem Augenblick. Denn niemand geringeres als die Foltermeisterin höchstselbst kam des Weges entlang und erspähte sie. Jetzt galt es die Beine in die Hand zu nehmen und nicht zu verweilen. Noch war sie weit genug entfernt um sie zu erhaschen und so knirschte der Kies unter den Sohlen ihrer Schuhe. „AOIBHE!“, rief sie ihr nach und es brachte doch nichts: „BLEIB SOFORT STEHEN, AOIBHE!“ Stehenbleiben? Sie war doch nicht verrückt! Wer bricht denn aus und bleibt dann einfach stehen um sich wieder gefangen nehmen zu lassen? Lächerlich! Und so verschwand sie aus dem Blick der Frau.
    „LIAM, LIIIIIAM... das Kind ist schon wieder abgehauen.“ Ein Stoß mit dem Fuß brachte den Stuhl unter dem Mann zum Kippen und war er nicht schon bei Aussprache seines Namens wach, so dann als er den Boden küsste. „Wofür habe ich dich vor die Tür der Kammer gesetzt? Geh und such sie!“, keifte das Weib den Mann an und war schier außer sich. „Ich habe sie gerade erst zurecht gemacht und jetzt wird sie wieder alles zunichte machen. Dieses Mädchen macht mich noch wahnsinnig.“ „Meine armen Nerven!“ „Was habe ich nur verbrochen um so eine Tochter zu haben? Die Schlösser knackt und Treppengeländer herabrutscht.“ Das Zetern fand kein Ende, nicht einmal als der arme Mann die Treppe nach unten nahm und durch die Haustür verschwand um sich auf den Weg zu machen die Entlaufene zu suchen.

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