Die Hinrichtung

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  • Die Hinrichtung
    (Tagebuch Eintrag von "Theoredoreus")


    Einst erfüllte es mich mit Freude und Neugierde, wenn ich durch die befüllten Gassen des Marktes spazierte, um mich mit den vielseitigen Eindrücken derer zu bereichern, die diesen besuchten. Kinder huschten aufgeregt und spielerisch durch die, von Gästen bevölkerten, Marktstände. Dieser Traum ist aber gänzlich verblasst als ich mich nach einer Ewigkeit wieder durch die Seitentore der Stadt wagte. Ich hielt ein versprechen und kam um es einzulösen, aber die Zeit hatte mir einen Streich gespielt. Nicht die Marktschreie waren es, die mich begrüßten, sondern der erregte Ruf des Todes, der bis heute in meiner Gedankengrube hallt. "Endlich legt man diesem Abschaum das Handwerk! Sollen sie in der Hölle schmoren" schlagartig ereilt mich ein mulmiges Gefühl, was hatte es damit auf sich? Die Menschen drängten in Richtung Zentrum, wie eine starke Strömung die alles mit sich zog, was keinen Halt fand. Ich ließ mich ebenfalls mitziehen von dem Jubel und Geschrei der Menschen, die gar hysterisch sich gegenseitig nur noch mehr übertrafen. Eine Hinrichtung war im Gange, vermutlich waren einige meiner Freunde unvorsichtig gewesen und hatten sich schnappen lassen, doch bei Gott, wäre mir alles lieber gewesen, als das, was mich dort erwartete. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg mir in die Nase und benebelte mich vollkommen. Dieser unerträgliche Gestank, der mich so vereinnahmte, dass ich nicht mal wusste, ob ich schreien oder kotzen solle.


    Beinahe wäre ich weggetreten, auch wenn ich es mir im Nachhinein gewünscht hätte, denn das, was sich an jenen warmen Nachmittag bot, überzog meinen Körper mit einem kalten Schauer, der bis ins Knochenmark eindrang. Eine Frau des mittleren Alters, befestigt inmitten der Leiber ihrer verkohlten Familie, schrie Schmerz-verzerrend als die Flammen sich langsam durch ihr Fleisch fraßen. Es war die Mutter meiner Kindheitsfreundin die dort ihre letzten Kräfte in dem heimsuchenden Geschrei aufbrauchte, bevor es in dem Zischen des Feuers verstummte. Alles wirkte so surreal und wie einem Delirium entspringend, verschwamm alles um mich herum - Ein verfluchter Albtraum. Wie angewurzelt blieb ich stehen und konnte kaum noch Atmen, etwas Schweres zerquetschte meine Lungen und die grenzen zwischen Realität und Traum waren nicht mehr zu erkennen. Deria, kam ich bereits zu spät? Hast du mich bereits verlassen? Ihre Familie konnte ich nicht mehr retten, doch war sie noch am Leben, hatte man sie gehen lassen oder ist sie geflohen? Die Hoffnung bewegte mich dazu, mich nicht vollkommen den Emotionen zu ergeben, aber dieses erleuchtende Gefühl wird je zerstört als die Konversation zweier, die traurige Erkenntnis offenbarte.


    "Das verfluchte Gör hat man in den frühen Morgenstunden bereits in die Grube geworfen."
    Wäre ich bloß nicht gegangen, dann hätte ich sie erretten können.
    Wäre ich bloß nicht gegangen, dann könnte ich sie von diesem fürchterlichen Ort hinfort tragen.
    Nur mit meinen eigenen Augen würde ich dieses je glauben können also wartete ich bis der Mond die Sonne verabschiedete und suchte die Grube auf,
    in der das verdorbene Fleisch den Waldboden nährte.
    Absurd war es, dass ich mich davon überzeugen lassen musste, da es kein Zweifel dran gab, dass sie ebenso gemeinsam mit ihrer Familie umkam.
    Deria war schließlich keine Kämpfernatur und hatte einen sehr schwächlichen Körper.
    Sie war nicht geschaffen für die gnadenlose Welt außerhalb der Stadtmauern, ebenso auch nicht für einen Kampf.
    Deria, wieso hast du mich nicht angefleht zu bleiben, wieso hast du mich gehen lassen? Ich habe mein Wort gebrochen,
    doch werde ich dein Vermächtnis bewahren, wenigstens dieses Versprechen kann ich halten.


    Die Grube war von weitem schon zu erkennen,
    denn war der Lärm der Krähen recht deutlich zu vernehmen,
    samt des fürchterlichen Gestankes von verfaultem Fleisch.
    Was habe ich mir dabei gedacht, mich solch einem Anblick auszusetzen?
    War es mein sturer Drang danach, die Wahrheit zu verdrängen oder war es die Hoffnung,
    die mit aller Kraft versuchte, ihre Existenz zu bewahren?
    Ich weiß es nicht, denn waren meine Schritte nie so zielstrebig und eilig gewesen, wie in jener Nacht, abseits der Stadt.
    Desto mehr ich mich näherte, desto schneller wurden sie, bis ich vor der Grube zu Boden sank und mein Gesicht in meinen Händen vergrub.
    Ich war zu langsam, Ich habe sie in Stich gelassen.
    Oh Deria, warum nur? Die Kotze sprudelte aus meinem Mund und die Tränen bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg zu Boden.
    Geflucht und geschrien habe ich, mich meiner Wut hingegeben, über diese verdammte Stadt.
    Als wäre es ein Zeichen des Himmels gewesen, wurde meine Aufmerksamkeit auf etwas Seltsames gelenkt, was aus dem Dreck heraus ragte.
    Ich griff danach und befreite es von dem überschüssigen Schlamm, bevor ich es sprachlos betrachtete.
    Es war der versilberter Ring von Deria, den sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, zu ihrem 10. Geburtstag.
    Ein fein verarbeitetes Schmuckstück der nur einer adeligen würdig war.
    Nie werde ich diesen Ring aus den Augen verlieren, denn ist es das einzige Andenken, was ich von meiner einstigen Kindheitsliebe habe.
    Deria, ich werde über dein Andenken wachen und mein Versprechen einhalten, solange warme Luft meine Lungen füllen.


    "Das Herz Tarifs "
    <Corvidae>
    Rollenspielgilde - Tarif & co. - RPvX.

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