Trio

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  • Auf der staubigen, vollen rotbraunen Straße Altinova's war es geschäftig wie eh und je. Trotz der immer schlechter werdenden Stimmung und schwindenden Reichtums der Stadt verirrten sich unzählige Reisende und Händler hier her. Immer wieder wurde mir zugewunken oder zugenickt während ich diese verflucht schwere Kiste durch die Stadt hinüber zum Hafen transportiere. Wie üblich schickte mich der zwergische Schmied, den kaum einer wirklich leiden konnte, dort hinunter um die bestellten Waren da abzuliefern.
    "He Line, sag'm Zwerg doch ma', dass er sene Lief'rung selbst trag'n soll.", rief ein Wachmann, Krus, als ich an ihm vorbeimusste.
    Der Wachmann kam so langsam in die Jahre, was seine ausgeprägten Krähenfüße und weißen Ansätze im Bart und Haar deutlich klar machten. Er arbeitete immer am gleichen Platz schon seit ich vor vielen Jahren nach Altinova kam. Ein eigentlich freundlicher Mann, wenn er nicht gesoffen hat. Dann wurde er hitzköpfig und unter anderem auch sehr lebhaft was Fantasien betraf. Schwach lächelnd schüttelte ich den Kopf und ging weiter. Sobald ich durch den letzten Torbogen trat, hörte ich Musik, die von unten, vom Hafen erklang. Eine Pflöte, eine Trommel und eine Laute. Schon von hier oben aus konnte ich sehen, dass sich einige der Seemänner aber auch Handelsmänner wie Wachen versammelt hatten um dem bunten Trio da unten zu lauschen. Ihre Musik klang fröhlich wenn auch stürmisch. Keine Begleitung durch Gesang, doch die Gefühle drangen dennoch durch den Ton der drei.
    Einmal neben der kleinen Menge angekommen, legte ich die schwere Kiste ab, wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht und lauschte den dreien. Ich sah sie mir an, aber statt Fremde hatte ich ein bestimmtes Bild vor mir: Einen groß gewachsenen, schlanken Kerl der, immer mit sich selbst zufrieden, grinste, eine unfassbar hübsche Frau die sich zwar auf Distanz hielt, aber stets ein Auge auf die anderen warf und ein kräftiges Mädchen was die beiden an sich zog damit sie auch keinen von beiden irgendwo verliert.


    Viele Jahre zuvor, in einem serendischen Hof nahe Heidel.


    "Nochmal! Wie kannst du so absolut verlieren, Emiline! Hast du nicht aufgepasst, als ich gesprochen habe?!", brüllte Vater über den Übungsplatz.
    Die Luft war kalt, der Wind wehte stark, der Himmel zeigte sich in grau. Der Boden unter mir war steinhart und mit Schmerzen über den ganzen Körper erhob ich mich. Tränen liefen durch mein schmutziges Gesicht während ich mein Holzschwert wieder aufhob. Vor mir stand mein Bruder mit bemitleidendem Gesicht. Ich wusste, er schont mich bereits so gut er konnte, aber musste er aufpassen, dass Vater nichts merkt. Sonst kriegen wir beide fürchterlichen Ärger.
    "Ich kann nicht mehr! Mir tut alles weh! Bitte machen wir eine Pause Vater!", flehte ich weinerlich mit dem Blick auf Vater gerichtet. Seine Haare waren fast komplett grau, sein Gesicht faltig aber seine Augen stählern. Sie strahlten noch Kraft und Jugend aus, wenn auch sein Körper jeden Tag schwächer wurde.
    "Du kämpfst bis du weder stehen noch reden kannst. Ein echter Feind hat auch keine Gnade.", entgegnete er kühl und bedeutete mit einer Handgeste, weiter zu machen.
    Langsam näherte sich Bruder, Karazin, mir und schlug leicht zu. Gerade so konnte ich die Hiebe abwehren, aber meine Hände und Knochen schmerzten mit jedem Aufprall. Nur wenige Sekunden später rammte mich Karazin und wieder landete ich auf dem harten Boden vor unserem Haus.
    "Aufstehen!", befahl Vater zum dreiundzwanzigsten Mal heute.
    "Sie hat genug! So machst du sie nur kaputt!", stellte sich die ältere Schwester von mir und meinem Bruder nun gegen Vater.
    Das endete darin, dass sie sich einen Klaps auf den Hinterkopf einfing. Auch sie war nun den Tränen nahe, aber sie gab in ihrem Blick nicht nach. Vater verengte die Augen, nickte dann aber.
    "Gut. Ihr drei geht jetzt jagen, allein. Kommt nicht ohne Beute wieder.", beschloss er dann, drehte sich um und stieg die Holztreppen hinauf zur Tür, verschwand im Haus und knallte die Tür zu.
    Karazin half mir wieder auf die Beine und inspizierte meine blutenden Schrammen an Bein und Arm.
    "Wenn du blutest, heißt das, dass dein Körper sich schnell heilt.", sagte er mit seinem sorglosen Lächeln und wischte mir eine Träne aus dem Gesicht.
    Auch ich lächelte nun und entfernte die restlichen Tränen aus meinem Gesicht. Meine Augen fanden Iris' Gesicht, aber sie lächelte nicht. Sie schaute nur mürrisch durch die Gegend.
    "Du brauchst mir nicht danken. Das habe ich nicht wegen dir getan, ich will nur endlich essen.", log sie.
    "Trotzdem danke.", stieß ich auch, was ihr ein schwaches Lächeln entlockte.
    Ein Tag wie fast jeder seit ich ein Schwert halten konnte. Oder ein Holzschwert. Ein jeder von uns soll den Kampf perfektionieren und deshalb lässt unser Vater uns alles tun, was unseren Körper und Willen stählt.
    Eines Tages werdet ihr der Stolz von Serendia sein, aber bis dahin ist es ein langer Weg. Ich werde euch auf diesem Weg begleiten.
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    Er brachte uns so vieles bei, aber er blieb kalt und prügelte uns oft. Ich hasste ihn jedes Mal auf's Neue, wenn er Karazin oder Iris schlug.
    "Nicht tagträumen, vergeude nicht unsere Zeit, Emiline! Sonst lassen wir dich im dunklen Wald allein!", rief Iris, die bereits mit Karazin vorgegangen ist.
    So schnell wie mein ramponierter kindlicher Körper mich tragen konnte rannte ich ihnen hinterher.
    "Aber dann kriegt ihr Ärger von Vater!", erwiderte ich lautstark. "Wir müssen ein...'Trio' bleiben, wie Vater immer sagt!"


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