Hoffnung

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Hoffnung schöpfte ich immer wieder aus erreichbaren Quellen, so sollte sie mir Stärke verleihen.
    Stärke, den richtigen Weg zu finden und bis zum Ende durchzustehen.

    ------------------------


    Der Winter spielte sein übliches, übles Spiel als ich gerade erst Heidel erreichte. Meine Reise hatte sehr viel länger gedauert als vermutet, da ich aufgrund unzähliger Gefahren immer wieder vom Weg abgekommen bin. Meist sollte mir das Glück noch hold sein und mich fand ein Abenteurer, Wanderer, Forscher oder fliegender Händler bevor es üblere Gestalten taten. Es fühlte sich an, als stelle mir jemand eine schreckliche Ausdauerprobe. Eine Prüfung für Geist, Seele und letztendlich auch Körper. Der Körper eines Kindes, welcher mittlerweile abgemagert und knochig litt. Jeder meiner Knochen schmerzte mit jedem weiteren Schritt und eigentlich wollte ich nur noch heulen, mich zusammenrollen und den Winter mich holen lassen. Aber ich durfte nicht aufgeben. Urwa wollte, dass ich lebe und das tue, was ich auch von Anfang an vorhatte. Und glücklicherweise musste ich die Stadt nicht alleine betreten. Ein junger Händler mit seiner Frau hatte mich gefunden, als ich klägliche Versuche unternahm, aus dem großen Fluss ein Fisch zu fangen. Und das, obwohl er teilweise zugefroren war.
    Sie gaben mir eine Decke über meine Lumpen, viel zu große, warme Stiefel, Essen und Trinken und halfen mir, den Weg bis hierher zu finden. Doch ihre Namen, die entfernte ich immer wieder aus meinem Kopf. Ich wollte sie nicht wissen oder sie mir merken. Das löste nur noch mehr Sorge bei diesen herzensguten Menschen aus. Sie versuchten alles, um mich aus meiner fast stummen Schale heraus zu locken, vergebens.
    „Hey Kleine, wir sind da. Hast du hier Verwandte?“, sprach die Frau mit den haselnussbraunen Haaren und gleichfarbigen Augen zu mir.
    Verwandte, bei denen sie mich in sicheren Händen wüssten. Wo sie sich sagen könnten: 'Wir haben dieses Mädchen vor dem sicheren Tod bewahrt.' Ich wünschte fast, ich könnte ihnen dieses Gefühl geben, doch musste ich diesen Gedanken schnell aus meinem Kopf verbannen.

    „Danke.“, murmelte ich deshalb nur als Antwort, was Verwirrung bei den beiden auslöste.
    Dann rannte ich. So schnell, wie meine knochigen Beine mich tragen konnten. Der Schnee bahnte sich seinen Weg durch die breiten Öffnungen meiner Stiefel und die Kälte überfiel mich wie ein Stich in meine Wade, aber ich rannte durch die Burgstadt bis meine Lunge brannte und ich mich zwischen zwei Fässern am nördlichen Rand der Stadt verkriechen konnte. Selbst jetzt konnte ich einige Reisende sehen, und die Stadt selbst war viel schöner als Altinova. In beinahe allen Punkten, von den Menschen, die hier lebten zu dem geordneten und sauberen Baustil bishin zum Umland der Stadt. Selbst in einem gnadenlosen Winter wie diesem konnte ich das erkennen.
    Doch all das half mir noch nicht, zu überleben. In die dicke Wolldecke gewickelt saß ich also neben einer Art Arena zwischen zwei Fässern, versteckt, während der Schnee sich auf meinem Kopf häufte. Nachdenkend, zitternd und leidend. Und als ich an die Markstände, die offenen, oder an die vollen Tavernen dachte, kam mir die Erleuchtung: Ich stehle einfach, was ich benötige. Andere Menschen benötigen die Sachen sowieso weniger als ich.

    So begann ich meinen Raubzug durch Heidel. Viele Tage nahm ich mir, was ich brauchte. Von Anfang an beherrschte ich mein neuen Beruf gut. Ich war leichtfüßig, flink mit den Händen und unscheinbar. Dazu ließen mich die Gastwirte für den geringsten Preis in Abstellkammern schlafen.
    Jedoch machte ich einen gravierenden Fehler. Ich achtete nicht auf meine Umwelt, in der mittlerweile viel erzählt wurde. Und so bekamen auch die Wachen den Auftrag, den Dieb zu finden. Zumindest dachte ich es später so.


    Als der Schnee begann zu schmelzen, sah ich wieder etwas gesünder aus. Noch immer dünn, aber nicht knochig. Helfen sollte mir das aber nicht, als mich eine große Hand am Handgelenk fasste. So rettete der Wachmann den Münzbeutel eines Händlers, den ich mir schnappen wollte.
    „Haben wir dich endlich, du kleine Ratte!“, sagte der große Wachmann mit der Glatze, während er mich über die Straße zog.
    Ich wehrte mich kaum, stattdessen schossen hunderte Gedanken durch meinen Kopf. Nie hätte ich gedacht, erwischt zu werden. Was würde nun passieren?
    Die Antwort bekam ich noch am selbigen Tage, als ich in einem höhlenartigen Kerker an die Decke gekettet wurde. Meine Arme in die Höhe, denn befanden sich die Fesseln um meine Handgelenke. Meine Kleidung hatten sie mir vom Leib gerissen, so fror ich in der Dunkelheit. Doch sollte es schlimmer kommen: Die Wachen befanden sich nicht mehr in der feuchten Zelle, stattdessen trat eine dicke Frau vor mich. Die Kleidung so teuer, damit hätte ich mir für Monate Essen kaufen können. Sie lächelte mich mit ihren hässlichen Zähnen an, legte die speckige Hand in mein Gesicht und begann zu reden.
    „Du bist der niedlichste Dieb, dem ich jemals begegnet bin. Aber selbst dann...lasse ich mich ungerne bestehlen, kleine Ratte.“
    So begann meine Folter. Meist nutzte sie eine Peitsche mit mehreren Schwänzen, manchmal nur ihre Fingernägel.
    Ich zählte die Tage bis zum sechsten Tag. Alle drei Tage, so sagte sie mir, würde ich Brot und Wasser bekommen. Sie wollte mir Hoffnung machen, nur um mich nicht nur physisch sondern auch psychisch leiden zu sehen, denn war das eine Lüge gewesen. Also schrie ich mit all der Kraft, die ich in meinem geschundenen Körper hatte. Das erfreute sie nur mehr. Doch ich bettelte nicht. Meine Hoffnung hatte sie getötet.
    „Eine hässliche Hure bist du fettes Schwein, nichts weiter! Nicht mehr Wert als der Dreck unter meinen nackten Füßen!“, beleidigte ich sie auf vulgärste Art und Weise, die ich kannte. Mit all dem Hass, den ich aufbringen konnte. Sie schlug dafür immer wieder zu, doch hielt mich das nicht mehr auf.

    „Ich werde dich in die Hölle schicken! Und wenn es das letzte ist, was ich tue!“, schrie ich weiter.
    Dieses Versprechen konnte ich nicht einhalten, denn kam mir jemand zuvor. Ein Mann mit dunkelbraunen, langen Haaren hackte die gehobene Peitschenhand der Fetten mit einem sauberen Schlag ab. Die Fette schrie nun vor Schmerz, heulte sogar. Aber der Mann kannte kein Erbarmen. Er tötete sie nicht, er nahm sie Stück für Stück auseinander bis sie an verbluten oder vor Schmerz starb. Dann wandte er sich mir zu. Seine grünen Augen blickten an mir auf und ab. Er sagte nichts, stattdessen hallten weitere Schritte durch dieses Verließ. Oder Höhle, ich wusste nicht, wo ich mich befand.
    Zum Vorschein kam eine junge Frau, sie konnte höchstens zwanzig Winter alt sein, doch habe ich noch nie jemand Schöneres gesehen. Sie blickte mit den eiskalten, stechend blauen Augen auf die Überreste der Fetten, dann auf mich. Ich erwiderte den Blick mit neugewonnener Nüchternheit. Sie konnte direkt in meine Seele schauen, sehen, was ich fühlte.
    „Wie ist dein Name?“, fragte die junge Frau.
    „Katelyn.“, antwortete ich plötzlich wie hypnotisiert von der Schönheit vor mir.
    „Katelyn, ich hole dich jetzt hier heraus. Danach sehen wir, was wir mit dir denn anstellen, in Ordnung?“, fuhr sie fort.
    Ich fühlte mich zu ihr unglaublich hingezogen, so konnte ich nur noch nicken. Ein schlimmeres Schicksal konnte mich ohnehin nicht mehr ereilen.


    -------------------------

    Hoffnung schöpfte ich immer wieder aus erreichbaren Quellen, so sollte sie mir Stärke verleihen.
    Hoffnung gibt aber nur weitere Möglichkeiten, Leid zu erzeugen.

    131 mal gelesen