Familie

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  • Familien betrachtete ich immer mit unendlichem Neid.
    Immer wieder spielte die Frage "Was wäre, wenn ich eine Familie hätte?" eine große Rolle in meinem Leben.
    Meine Familie hatte mir diese Erfahrung nicht gegeben.

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    Meine kurzen Beine trugen mich mit hoher Geschwindigkeit durch die geschäftigen Straßen von Altinova, der rauen, sandfarbenen Stadt die durch den Handel gewisser Steine florierte.
    Das machte die Stadt leider nicht schöner, lediglich voller und reicher. Die Häuser wurden unsortiert, fast willkürlich, auf freiem Grund gebaut, Händler aller Art machten sich mit ihren billigen Ständen auf der Straße, die nur aus rotem Sand bestand, breit. Dazu rundete der Geruch das Ganze ab: Es roch immer nach dem Feuer eines Schmelzofens.
    Ich wollte raus aus der Stadt, und bald hatte ich auch genug Münzen zusammen, um bis nach Calpheon zu reisen.
    Schnell und flink navigierte ich meinen kindlichen Rahmen also durch die Reisenden, Händler, Bewohner und Wachleute um mein endgültiges Ziel zu erreichen: Der komische, kleine Schmied mit der dicken Nase.
    Er behauptete zwar steif, er sei kein Zwerg, doch glaubte ich ihm das nicht, denn war er kaum größer als ich.
    Sobald ich bei ihm an der Schmiede auftauchte, die zwischen zwei Häusern platziert wurde, grüßte er mich wie üblich.
    "He Mädel, da bist du ja! Ich habe fast gedacht, du kommst heute nicht mehr!"
    Das sagte er jedes Mal, wenn ich auch nur drei Wimpernschläge später als gewöhnlich erscheine. Er fand das immer ungeheuer lustig, weshalb ich ihm auch immer ein strahlendes Lächeln schenkte.
    Dann legte er jedes Mal die vom Ruß schwarze Hand auf meine blonden Haare und beschmutzte sie damit indem er durch diese wuschelte.
    "Bist ein gutes Mädchen, lachst noch über die Witze eines alten Mannes.", sagte er auch wie immer.
    Alter Mann traf es gut, denn sein voller Bart wie die langen, ungepflegten Haare des Schmiedes strahlten mittlerweile in einem grau, um die grünen Augen sammelten sich die Falten und sein Blick wirkte...müder.
    Und mitanzusehen, wie er alterte, schmerzte mich. In ihm habe ich die Liebe gefunden, die ein jedes Mädchen meines Alters braucht. Er hatte mir Arbeit gegeben und mein Maul gestopft, wo meine Familie mich verstoßen hat und andere auf mich hinabgeschaut haben, als sei ich Dreck auf der Straße. Mit meinem jungen Alter hätte ich fast schon das Leben aufgegeben, aber der kleine Mann mit dem herzlichen Lächeln zeigte mir das Licht. Das war nun fast ein Winter her, wo wir so kurz vor diesem stehen.
    "Ich komme immer! Ich brauche die Münzen um zu reisen!", erwiderte ich, worauf sein Lächeln immer trauriger wurde.
    Er wollte nicht, dass ich reise. 'Mädel, da draußen sind Dinge, die ein unschuldiges Ding wie du nicht sehen sollte, bevor du bereit bist.', sagte er immer. Direkt verboten hat er es mir aber noch nie.
    Heute sagte er aber etwas anderes: "Hoffentlich vergisst du den alten Herrn hier nicht und sendest ein paar Briefe, wenn du schreiben lernst!"
    Und dann kamen mir die Tränen und ich umarmte ihn fest, impulsiv, glücklich und irgendwie auch traurig. Er erwiderte die Umarmung.
    "Mädel, ein paar Tage bist du noch hier, brauchste doch nicht jetzt schon weinen.", murmelte er in seinen Bart, doch sah ich sein zufriedenes Lächeln.
    "Ich habe dir...noch nie danke gesagt. Dafür, dass du mir wieder gezeigt hast, dass die Welt mich noch nicht verstoßen hat.", sagte ich mit weinerlicher Stimme, begann aber bereits, die Tränen aus meinen Augen zu wischen. Er sagte nichts, er drückte nur fester und ich hätte schwören können, auch aus seinem Auge kam eine Träne. Aber das zeigte er mir nicht, sondern begann die Arbeit.
    Und so arbeitete ich die nächsten zwei Tage euphorischer mit meinem Ziel fest im Fokus.

    Als ich am dritten Tag an der Schmiede auftauchte, befand sich der kurze Schmied aber nicht an seinem üblichen Platz. Die Schmiede wurde nicht angeheizt und die Rüstungen und Waffen nicht zur Schau gestellt, also begab ich mich zu seinem kleinen Haus am Rande der Stadt. Hier gab es deutlich weniger Trubel, da nur ein paar wenige Einwohner ab und an vorbei laufen mussten. Langsam und unsicher bewegte ich mich durch die enge, rote Straße, umgeben von den ungleichen Häusern, bis zu dem kleinsten Haus von allen. Die Tür war noch geschlossen, also vermutete ich, er hat einfach zu viel getrunken. Das tat er manchmal.
    Also klopfte ich nach kurzem Zögern, wartete ein paar Sekunden und als keine Reaktion kam, versuchte ich es nochmal. Als wieder niemand auf mein klopfen antwortete, drehte ich mich um, und genau in dem Moment öffnete sich die Tür und ehe ich reagieren konnte, drückte jemand seine Hand auf meinen Mund und zog mich rein. Im Hauptzimmer leuchtete nur schwaches Licht, so brauchte ich einige Sekunden, um mich daran zu gewöhnen. Und zeitgleich merkte ich kräftige Hände, die so groß waren wie mein ganzer Oberkörper, auf meinen Schultern.
    Ein grausames Bild offenbarte sich mir: Der kurze Schmied wurde kopfüber an die Decke gefesselt und offenbar gefoltert, neben ihm ein Mann mit dunkler Haut und gefährlich orangenen Augen. Der zweite Mann hinter mir stellte sich als Riese mit einem schwarzen Vollbart, der länger wuchs als ich, heraus. Er sollte mich ruhig halten.
    "Von dem Mädchen hast du uns überhaupt nichts erzählt, Urwa. Du enttäuschst mich.", sprach der Mann mit den orangenen Augen und stach mit einer Nadel in den Rücken von dem kurzen Schmied. Der brüllte auf, doch war der Schrei gedämpft von einem Tuch in seinem Mund.
    "Hör auf!", schrie ich deshalb mit Tränen in meinen Augen.
    Sowohl die orangenen Augen wie auch die grünen Augen wandten sich zu mir. Und in den grünen Augen stauten sich die Tränen. Tränen und erdrückende Schuld konnte ich in diesen Augen sehen.
    "Ah, ich verstehe. Du nutzt sie wie eine Tochter. Das ist krank, Urwa.", verspottete Orangeauge ihn weiter. Er musterte mich eindringlich, und mir wurde zunehmend unwohler, meine Angst stieg mit jeder einzelnen Sekunde. Und mein Hass wuchs ins Unendliche. Ich hasste diesen Mann vor mir mit jeder einzelnen Pore meines kleinen Körpers.
    "Sie wird bestimmt mal eine hübsche Frau. Viel wert ist sowas. Mit ihr wären all deine Schulden getilgt, mein kleiner Freund.", wandte er den Blick zurück auf den leidenden Schmied.
    Dann näherte er sich mir und beugte sich runter zu mir. Mein Körper erstarrte, als sich sein Gesicht direkt vor meinem befand. Er wischte mir eine Träne aus dem Gesicht und packte mein Kinn.
    "Nicht weinen Süße, ich gebe dir ein besseres Leben...wenn du dich benehmen kannst.", flüsterte er zu mir und ließ seinen Daumen über meine Lippen gleiten.
    Anscheinend hatte Urwa es geschafft, den Stoff aus seinem Mund zu entfernen, denn brüllte er jetzt. Pure Wut schwang in seiner Stimme mit.
    "Fass sie nicht an, du gottverdammte Missgeburt! Ich hoffe für dich gibt es einen speziellen Platz in der Hö..."
    Bevor Urwa den Satz beenden konnte, hatte er ein Messer im Hals. Wieder schrie ich auf, wehrte mich gegen die massiven Hände erfolglos und sank dann auf die Knie, wimmernd und kraftlos.
    Was als nächstes geschah, sah ich nur noch verschwommen und dunkel. Ich hörte Schreie, den Riesen entzwei geteilt auf dem Boden, in seinem eigenen Blut. Über ihm eine lange, anmutige Gestalt. Zwei Augen strahlten durch das Dunkel: Das eine weiß, das andere violett. Ich hatte mich gefragt, ob er mich getötet hat, als ich begann, zu schreien, aber dann verschwand der Todesengel mit dem nächsten Augenblick.
    Zwei lange Tage saß ich in der Dunkelheit, weinend und trauernd. Dann schwor ich mir selber etwas: Ich darf nie wieder jemanden zu nahe stehen.


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    Familien betrachtete ich immer mit unendlichem Neid.
    Nun sehe ich nur noch die Schwächen dieses durch Blut gebundenes Bündnis.
    Schwächen tödlich wie ein offener Rücken.



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