Tod

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  • Als meine damalige, beste Freundin, Ariliah, brutal umgebracht wurde, hatte ich mir gewünscht, ich könnte sie zurückholen. Zurück in das Leben, was wir führten, dem endgültigen und gnadenlosen Tod entgegen.

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    Der Friedhof von Calpheon war nachtsüber kein Ort, an dem sich Naivlinge aufhalten sollten. Hier trafen sich immer wieder vermeindlich gefährliche Menschen um diese schwachsinnigen Intrigen zu schmieden, die sie für schlau hielten. Oder es trafen sich die Menschen, die nur als Botenüberbringer, Laufburschen für die wirklich gefährlichen Menschen dienten. Heute Abend sollte einer dieser Handlanger mein Ziel sein.
    Noch leicht berauscht von der goldbraunen Flüssigkeit, die in der Lunge brannte, als ich sie in mich hineingekippt hatte, versteckte ich mich an einem offensichtlichen doch unsichtbaren Ort: In der dunkelsten Ecke des Friedhofes, halb in den Boden gegraben. Meine hellen Haare verdeckt durch eine tief ins Gesicht gezogene, schwarze Kapuze.
    In der Kälte wartete ich geduldig, beinahe zu lang. Schwache Zweifel bahnten sich einen Weg direkt in meine Gedanken. Sie zweifelten jedoch nur meine Vorgehensweise an, nicht die Quelle der Informationen, die ich nutzte. Diese machte nämlich keine Fehler. Und ich musste bis zum Morgengrauen hier verharren, wenn es sein musste.
    Das musste es aber nicht, denn sah ich nun, was meine Zweifel mir verborgen haben: Eine Gestalt, schwarz gekleidet wie ich, unverkennbar der Körper einer Frau. Sie nahm nicht den Torbogen-Eingang, sondern glaubte sie, ich würde sie nicht sehen, wenn sie die Stadtmauer nimmt. Zugegeben, von dort aus hatte sie einen guten Überblick, doch ausreichend Tarnung bot dies nicht. Vorsichtig, elegant und lautlos arbeitete sie sich vor, bis sie von der Mauer in die Dunkelheit des Friedhofes gelangen konnte. Genauer gesagt landete sie einen Wimpernschlag von mir entfernt. Fast hätte ich gegrinst.
    So sprang ich auf, was Dreck, der auf mir lag, durch die Gegend schleuderte. Mit einem sauberen Schnitt trennte ich den Waffenarm der Assassine. Doch unterschätzte ich sie, denn kam mir bereits ein Messer entgegen, gehalten von der übrigen Hand. Ein Stich in einer schnellen Drehung, der meinen Hals durchbohren sollte. Aber unter den konnte ich mich in letzter Sekunde ducken, und ließ sie für die Langsamkeit büßen. Ein Stich meines Dolches zwischen die Beine während ich mich wieder erhob und mit dem Kurzschwert den Bauch entlang schnitt. Sie öffnete den Mund für einen lautlosen Schrei und stach blind nach vorne. Ein Ausfallschritt nach innen reichte, um zu entrinnen. Mit dem Dolch schnitt ich über ihren Unterarm, trennte somit einige Adern, mit dem Schwert bearbeitete ich den Körper. Immer waren es kaum tödliche Schnitte. Sie ging langsam schon zu Boden, doch wollte ich sie zu Fall bringen, also trat ich ihr mit viel Kraft gegen das Knie, welches unschön knackte. Da sie bereits Unmengen an Blut verloren hatte, fühlte sie vermutlich nicht mehr den ganzen Schmerz, so gestielt sie ihr Ableben lautlos. Mein Werk war fast getan, es fehlte nur noch die Dramatik für das gemeine Volk.

    Am nächsten Tage verbreitete sich die Kunde auch. Ein Mord den die Menschen nur deshalb interessierten, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchteten. Als seien sie wichtig genug dafür.
    Mein Interesse lag aber in etwas ganz anderem: In einer Schönheit, die sich in das Gebiet bewegt, in dem ich doch wachen sollte.
    Wieder beobachtete ich, dieses Mal aus dem Schutze eines der kleinen Häuser im Viertel der Armen. Wieder lag Dunkelheit über der Stadt, und ein Panther schlich durch die Straßen. Sie steuerte ein Haus an, was ich nicht wollte, dass sie es ansteuert. Sie besuchte das Haus eines Mannes, welchen ich irgendwo interessant fand. Vielleicht lag es daran, dass es die einzige Person, neben dem Panther, ist, über die ich nichts in Erfahrung gebracht habe, bevor ich mit ihr sprach. Ein Mann, der plötzlich da war und auf den ich mich nicht vorbereiten konnte. Das Gefühl der Ungewissheit, des Nicht-Wissens machte sich in mir breit. Ich empfand dieses Gefühl wie eine...Ekstase. So entschied ich, er sollte mir ein verschlossenes Buch bleiben, und nur wenn ich die Rätsel des Charakters löse, dürfte ich es öffnen. Eine unbekannte Herausforderung. Das war es, was ich wollte.
    Und der Panther umkreiste dieses Buch als sei es ein Stück Fleisch.
    Bevor sie hinter der Mauer vor der Tür des Hauses meines Buches verschwand, schaute sie in meine Richtung. Nein, sie schaute mir genau in die Augen, durch den seidenen Vorhang hindurch. Angst überkam mich, so zog ich mich einige Sekunden zurück. Aber dann hörte ich die schlürfenden Schritte, die ich mir bereits eingeprägt habe. Also blickte ich wieder aus dem Fenster, der Panther war verschwunden, auf der Straße spazierte nur eine Gestalt unwissend in ihr Verderben.
    Sein Gesicht allgemein markant, besonders auffällig die fast schon feinen, hohen Wangenknochen. Seine Kinnlinie wird von einem schwarzen, zotteligen Bart verdeckt, welcher in den ebenfalls pechschwarzen, kurzen bis halblangen Haaren endet.

    Am wichtigsten, so fand ich, sind die grauen Augen mit den schwarzen Ringen unter den buschigen Brauen, die zwar Ruhe ausstrahlten, doch beherbergten sie immer eine gewisse...Distanz. Und Schmerz.
    Mein verschlossenes Buch, über das ich, wie ein Kind, gestolpert bin und es so faszinierend fand, dass ich es auch sofort mitgenommen habe.
    Und dieses faszinierende, hübsche Buch rannte gerade in die eleganten Arme des kalten Todes.

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    Als meine damalige, beste Freundin, Ariliah, brutal umgebracht wurde, hatte ich mir gewünscht, ich könnte sie zurückholen.
    Wenig wusste ich, dass der Tod eine süße Gnade ist.

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