Maske

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Damals sah ich Menschen mit Masken und habe mich gefragt: "Warum wollen sie jemand anderes sein?"
    Wer sich hinter einer Maske versteckt, der muss sich doch für sich selbst schämen, dachte ich. Ich empfand Mitleid.

    ---------------------------------


    Tagsüber war Calpheon eine hässliche und doch zugleich merkwürdig reizende Stadt. Auf der einen Seite bestand jedes Bauwerk lediglich aus hässlichen, gestapelten Blöcken aus rotbraunem Gestein, doch auf der anderen Seite bemühten die Erbauer sich, seltsame Formationen zu bauen, die dem Auge schmeicheln sollen. Aber das war es nicht, was der Stadt ihren Reiz gab. Die Bewohner und Reisenden, die diese Stadt erfüllen, sie allein gaben ihr eine unwiderstehliche Aura. Immer wieder erfreute ich mich an den vermeindlich heimlichen Intrigen, die ein närrischer Bettler schmied um das Gefühl der Macht zu besitzen. Der Adel, welcher hinter Schloss und Riegel über 'verbotene' Dinge philosophiert oder plant, in dem Glauben, damit festigen sie ihren jetzigen Stand. Die leichtgläubigen Söldner, die anreisten und hofften, sie finden schnell eine einfache Aufgabe oder sogar etwas richtig lukratives.
    Doch mein persönlicher Favorit, das war selbstverständlich die Kirche, welche eisern darum kämpfte, mehr Einfluss in allem zu gewinnen.
    Sie alle spielten gegen sich, begangen Verrat, ermordeten, beschuldigten aneinander, feierten und in seltenen Fällen ignorierten sich einzelne Parteien sogar.
    Nur selten gab es Wölfe unter ihnen. Wölfe, die wussten, wie sinnlos die Grenzen der Stände waren. Sie bewegten sich auf jedem Grund und wussten überall zu jagen, machten nicht Halt vor der großen Beute und räumten Eindringlinge aus ihrem Territorium, bevor diese es sich gemütlich machen konnten.
    Die Frau vor mir ist ein Wolf.

    Die noch entfernte Sonne schien so stark sie konnte auf die dreckigen Straßen der Stadt, doch schenkte sie nicht sonderlich viel Wärme. Kälte lag in der Luft und wehrte sich tapfer gegen den erbarmungslosen Ansturm der Sonne. Ich befand mich im oberen Viertel des Handwerkerbezirks, wo viel Händler sich herbemühten. Angelehnt an einem Pfeiler eines Hauses, welches gerade zur Verhandlung genutzt wird, wartete ich und vertrieb mir die Zeit, indem ich in die Gesichter der Händler und Handwerker schaute. Hier gab es alles zu sehen: Sorge, Freude, Hass, Wut, Verzweiflung, Neutralität, manchmal sogar Lust. Ich selbst entschied mich für ein sorgloses Lächeln, was 'zu meinem Gesicht' passte, so wurde mir es öfters gesagt.
    Die Zeit verstrich, ohne, dass ich merkte, wie lange ich eigentlich wartete. Die Tür öffnete sich und heraus traten erst zwei raubeinige Gestalten, welche in edle Kleidung gesteckt wurden, dann eine Frau unfassbarer Schönheit. Die beiden Rohlinge wirkten nicht wirklich glücklich, aber sie realisierten beide, dass sie besser tun, was ihnen gesagt wird. Brummend ziehten sie also davon und ich schaute ihnen lange hinterher, ehe mein Blick den der Schönheit traf. Sie schenkte mir ein eingespieltes Grinsen, welches mich fast schon zum schaudern brachte. Dieses Grinsen hatte eine weite Reichweite an Gefühlen, wenn du sie lesen kannst. Es sagte dir, dass dies eine Frau ist, die nicht davor zurückscheut, dich persönlich und nur mit Zähnen und Händen auszuweiden, wenn es nötig ist. Oder sie es für notig hält. Die hellen blauen Augen bestärkten nur die Kühle in ihren Zügen. Sie berechnete und durschaute alles und jeden, und das tat sie mit gespielter Leichtigkeit.
    "Es gibt Menschen außerhalb der Kirche, die wussten von den Machenschaften des guten Herrn Kasi. Spazieren wir.", begann die rothaarige Schönheit das Gespräch mit der Stimme, die angenehmer hätte nicht sein können. Wie das leise Rauschen eines kleinen Flusses oder der Wind, der die Baumkronen zum zittern bringt.
    An ihrer Seite spazierte ich also direkt über die Brücke in die exklusiveren Gegenden, wo in der Nähe der Kalis-Rat seine Sorgen austauschte.
    Normalerweise würde ich fragen, ob die Quelle sicher ist, die sie nutzt, aber das war nicht von Nöten. Spätestens nach einem ausführlichen Gespräch mit der Wölfin waren sie sicher.
    "Leider habe ich weder Namen noch Stand oder Aufenthaltsort der besagten Personen. So gierig er auch wurde, er wusste noch, was er tat. Und das tat er gut."
    So einige Blicke wurden auf uns gerichtet, während wir durch die Straßen spazierten. Entweder waren es neugierige Kinder, eifersüchtige Frauen oder aber interessierte Männer. Ich wusste, sie schauten nicht mir sondern der Wölfin hinterher. Sie bewegte sich perfekt, elegant, ihres Aussehens bewusst. Vielleicht war sie keine Wölfin, sondern ein Panther unter Katzen. Wenig Beachtung verblieb also für das blonde, gewöhnliche Mädchen an der Seite der Dame.
    "Ich arbeite bereits daran. Meine Vermutung ist, dass Kasi sich mehr an dem niederen Volk bedient hat.", antwortete ich leise.
    "Das ist keine unbegründete Vermutung. Aber ein Raum so tief gelegen wie dieser lässt sich nicht einfach so bauen. Es muss einen erfahrenen Architekten geben...und der hatte sicherlich auch einen hohen Preis."
    "Ihr vermutet also, dieser Architekt bildet ein weiteres Glied einer langen Kette?"
    "Eine Kette adligen Abschaums, so in der Art, richtig. Doch sorge dich nicht darum, das übernehme ich. Konzentriere du dich auf den niederen Stand."
    In der Mitte der tiefer gelegenen Brücke kamen wir wieder zum Halt. Unser beider Blicke gingen über den Fluss hinüber zum Viertel der Armen und Kranken. Einen seitlichen Blick hinüber zu der Schönheit neben mir aber wagte ich noch. Sie trug keine Maske für die Gesellschaft, denn ist ihre Maske zu ihrem Gesicht geworden. Ein Gesicht, was absolut nichts verriet außer das, was sie erwecken wollte. Genau so gab es nichts über sie herauszufinden, außer, dass sie als Kind gestorben ist. Offenbar war das ein großer Irrtum. Ein Irrtum, den sicherlich viele Menschen bereuen werden.
    Ich hingegen trug eine Maske. Mein eigenes, jugendliches Gesicht welches dazu genutzt wurde, den Anschein zu erwecken, ich bin nur eine weitere Informationshändlerin oder Gossenmädchen.
    Das freche Mädchen der dreckigen Straßen, welches den einen oder anderen Schlag aushalten kann ohne dabei zu weinen. Meine zugewiesene Rolle.
    Nur die Nacht, in der diese Maske verhüllt war, erlaubte mein wahres Ich. Und selbst dieses wahre Ich fürchtete die Schönheit neben mir.

    "Bevor du gehst...", begann die Rothaarige neben mir, als ich mich gerade wegdrehte.
    Ich wagte es nicht, sie anzuschauen, denn lag in der Stimme bereits ein tadelnder Unterton.
    "Es löst bei mir ein schlechtes Gefühl aus, wenn meine Verbündeten hinter meinem Rücken Informationen über mich zu sammeln versuchen."
    Nun drehte ich meinen Kopf doch, gerade genug, um sie zu sehen. Sie stand da neutral, mit der üblichen Mischung aus lächeln und grinsen. Ihre hellen, eisblauen Augen durchbohrten aber meine Knochen und ließen sie erzittern. Ich nickte ihr zu, und machte, dass ich wegkomme.




    ---------------------------------------



    Damals sah ich Menschen mit Masken und habe mich gefragt: "Warum wollen sie jemand anderes sein?"
    Heute habe ich erkannt, wer eine Maske trägt, der will sein, wer er wirklich ist.


    260 mal gelesen