Die Frau für Alles(Leihklinge - Teil 1)

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  • Mein rechter Fuß fand nach unendlichen Tagen auf einem Schiff endlich wieder festen Halt auf dem Dock dieses kleinen Dorfes. Velia nannte der Händler, der mit mir gereist es, dieses ruhige Fleckchen. Der linke Fuß folgte schnell und beinahe schon musste ich grinsen.
    Es gab immerhin nichts Gefährlicheres als die unbändige See und ihre Launen.
    Zufrieden streckte ich meine Arme in die Höhe und legte darauf die Hände auf meinen Kopf, auf dem die ungewaschenen, blonden Haare thronten. Wie immer in einem wilden Dutt, aus dem die Haare euphorisch versuchten, zu fliehen.
    Zu meinem Unglück gab es noch etwas anderes euphorisches, welches aus mir unbekannten Gründen glaubte, wir sind Freunde. Und dieses etwas fiel in Gestalt eines langen, jungen Mannes aus, welcher es nicht mal schaffte einen Bart wachsen zu lassen. Seine haselnussfarbenen Haare, welche mittlerweile so lang sein mussten wie meine eigenen, ließ er stets offen und pflegte sie bis in die Spitzen. Das rundete das Aussehen des naiven Bübchen an, wenn man mich fragt. Mich fragt aber niemand, und das war gut so. Des Händlers Kleidung jedoch sprach von Reichtum, oder zumindest von ein paar mehr Münzen als ich sie in der Tasche hatte. Feine, blaue Seide in der mit goldenen Verzierung versehenen Weste, darunter ein weißes Leinenhemd passend für die Seefahrt. Alles eindrucksvoller mit der relativ engen, dunkelbraunen Lederhose und den gleichfarbigen Stiefeln. Natürlich alles gepflegt und sauber.
    Instinktiv schaute ich runter an mir und sah, was ich immer sah wenn ich dies tat: Eine dreckige, teilweise zerrissene, lange und weiße Jacke dessen Rock bis über meine Knie reichte, darunter ein graues Leinenhemd eines Matrosen, eines männlichen Matrosen, musste betont werden. Der Ausschnitt sprach nämlich Bände darüber, dass eine Frau das nicht tragen sollte, deshalb faltete ich die Jacke auch immer schön übereinander vor meiner Brust und festigte sie dann mit einem roten Seil um meine Hüfte. Zuletzt haben wir noch die weite Hose aus groben Stoff, braun wie die Sandalen, die wenigstens meine Fußsohlen vor den bösartigen Steinen dieser Welt schützte.
    „Ah! So sehr ich die Seefahrt genossen habe, so erfüllt ein idyllisches Dorf wie dieses mein Herz mit Freude!“, grölte mich der Händler, dessen Name ich vergessen habe, fast schon an.

    Zugegeben, ich teilte seine Freude, wenn auch nicht formuliert wie er. Ich wusste ja nicht mal, was “idyllisch“ bedeutet. Da ich nicht vorhatte, den Jungen weiter zu dulden, ging ich also schnell los. Doch leider war sein Glauben der Freundschaft stärker als vermutet: Er folgte mir!

    Es ging also zu zweit in das in der Sonne liegende Örtchen mit den vielen Menschen...und anderen Wesen. Meine linke verblieb stets auf dem gelben Griff meines treusten Wegbegleiters: Das Schwert meines Meisters.
    „Welch eine blühende Harmonie hier doch herrscht! Als gäbe es keine Kriege auf dieser Welt!“, nervte mich der Junge von hinten mit seiner ungebändigten Freude.
    So drehte ich mich zu ihm um und durchbohrte ihn mit meinem Blick. Man sagte mir immer, meine Augen, mein Blick sei intensiv. Das machte ich mir also gelegentlich zu nutze.
    „Hör zu Junge, unsere Wege trennen sich jetzt. Hast' nicht ohnehin irgendwas zu erledigen?“
    Er erzählte sicherlich ein paar hundert Mal von seinen Plänen während der Seefahrt, aber ich schaltete immer wieder ab. Und Gleiches wiederholte sich genau jetzt, als er wieder begann mir sein Herz auszuschütten...oder so.
    „Ja, natürlich, dafür muss ich nach Calpheon, die Heimat der...“, begann er seine Wissenreise mit passender Gestik.

    Wenig konnte er wissen, dass ich bereits abgeschaltet hatte. Stattdessen fuhr mir ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf.

    Wenn ich in ein Netz ein Loch reiße, dann gibt es weniger Löcher als zuvor. Kann es deshalb "ein Loch reißen" genannt werden? Wohin verschwinden eigentlich die Fäden, die ich geteilt habe? Ich sollte wirklich genauer drauf achten.
    Ein Gedanke, der mich nicht loslassen wollte.
    "...deshalb wollte ich Euch fragen, gute Leihklinge Raye, könnt Ihr mir Eure Dienste zur Verfügung stellen? Angemessene Bezahlung wird selbstverständlich folgen!", beendete der Junge seine Geschichtsstunde, die ich für etwas Wichtigeres verpasst habe.
    Da ich gerade mehr als frei war, und dringend ein paar Münzen nach der Seefahrt brauchte, klang das mehr als verlockend. Dann wiederum bekam ich das Gefühl, dass dieser junge Händler einfach nur weibliche Begleitung haben wollte, und das könnte schnell mit vielen Tränen enden. Gerade solche Jungspunde tendieren dazu, sich in Gefahr zu vergucken. Aber was interessierte mich das? Hauptsache er zahlte, und der da sah aus, als könne er zahlen.
    "Ich arbeite auf meine Weise. Ich lasse mich nicht herumkommandieren. Wenn dir dies' nichts ausmacht, bin ich die richtige Frau.", erwiderte ich trocken.
    "Gewiss ist das kein Problem! Ich freue mich schon auf unsere gemeinsame Reise.", schoss es aus dem Händler.
    Und ich freue mich auf die nächste Taverne.

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Kommentare 1

  • Sarithas -

    Hi! Erster Versuch einer Geschichte in der Welt der Schwarzen Wüste! ;D Über Anmerkungen oder aber Verberesserungsvorschläge würde ich mich freuen.