Erste Bilanz

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen


  • Erste Bilanz

    Calpheon zum Nachmittag

    Der Herbst hält Einzug in Calpheon.
    Wohin man inmitten der gewaltigen Hauptstadt nur blickt, man wird es sehen. Das bunte Blattwerk zahlreicher Bäume. Grün, rot, gelb und schließlich, wenn die Blätter ausgezerrt zu Boden fallen, braun.
    Das einst lebensreiche Geschmück der Bäume wird wie jedes Jahr tot und verrottend auf dem Pflaster der Straßen Calpheons liegen, bis der erste Schnee die Überreste verdecken wird oder die eine oder andere Magd vorher den Reisigbesen schwingt.


    Tiefe Krähenfüße zeichnen sich um die Augenwinkel der Buchführerin ab, als diese mit leicht verengten Augen am Fenster der Geschäftsräume der Calpheonischen Berbaugilde steht und mit verschränkten Armen hinab auf das Treiben der Stadt blickt.
    Die tiefstehende Nachmittagssonne blendet Rawhiti Musou, doch sie wendet sich nicht von dem störenden Licht ab.

    Die Hexe, Buchführerin, Bordellbesitzerin und Mitwirkerin der Schwarzen Zunft befindet sich gegenwärtig wieder in Calpheon, wo sie als längjährige Buchführerin der Calpheonischen Bergbaugilde einen Bericht über die Bilanzen der neueren Schürfgebiete und Minen, weit ab von Calpheon und Keplan, präsentiert. Ganz offiziell und ohne das die Gildenmeister nur den Hauch dessen erahnen können, was diese Frau vielfältig repräsentiert.
    Die Zahlen stimmen, die Bilanzen sind gut, ein kleiner Gewinn mit steigenden Chancen nach dem Desaster in Keplan. Nur langsam, aber stetig erholt sich die Bergbaugilde von den Misständen, welche in Keplan bis heute andauern.
    Versteinerte Minenarbeiter. Schlechte Qualität bei Schwarzsteinen und anderen geförderten Mineralien.
    Die dargelegten Zahlen erfreuen die Gildenmeister, welche sich soeben inmitten des großen Raumes zurückgezogen haben, um weiteres für die nähere Zukunft zu besprechen.
    Rawhiti soll in diesem Zuge im gleichen Raum verweilen, da sicherlich recht schnell der eine oder andere neue Auftrag für das nächste neu erschlossene Schürfgebiet kommen würde.
    Und so zieht sie sich ihrerseits etwas zurück. Tritt, mit den im Raum nachhallenden Absätzen ihrer Schuhe, an eines der großen, deckenhohen Fenster und lässt den Blick über die Stadt schweifen, während hin und wieder einer der Gildenmeister zu der Endvierzigerin aufblickt und den Blick über ihre Gestalt wandern lässt.
    So wie sie erhobenen Hauptes im Schein der Sonne steht, wirkt sie noch unnahbarer als sonst auch.


    Fernab derartiger, verschwenderischer Gedanken, lässt sich Rawhitit einige der vergangenen Ereignisse durch den Kopf gehen.


    Die Angelegenheit mit Haus Arrántir und der daraus entstandenen Entführung Cocos ging für gleich mehrere involvierte Personen glimpflich aus. Sogar, was man kaum vorausahnen konnte, für den einen und anderen mit einem einigermaßen guten Ausgang.
    Wäre dieser großkotzige Handelsmann aus Altinova nicht in der Tanzenden Möwe eingekehrt, hätte wohl Rhaida nie so schnell zu ihrer Tochter Farah gefunden, welche als Yara kurz nach ihrer Geburt, entrissen aus den Armen ihrer Mutter, einen nahezu qualvollen Lebensweg, wie auch ihre Mutter zuvor, bestritten hatte. Der einzige aber wohl entscheidende Unterschied war, dass Yara ihr Leben in Sklaverei verbrachte, als ihr Dasein, wie einst ihre Mutter, als blutjunge Hure zu fristen.

    Eine Hure die zu einer gefährlichen Agentin der Schwarzen Zunft wurde. Mit all ihren Klingen und Giften. Nur im entferntesten kann sich Rawhiti vorstellen, was Rhaida mit dem Vater des Kindes, Jaheem, angestellen wird. Der Mann, welcher Yara erst in diese grausame Lage brachte. Mit absoluter Gewissheit kann sich die Frau am Fenster jedoch ausmalen, wie Rhaida es genießen wird, den letzten Tropfen Lebensfunken aus Jaheem herausquellen zu sehen.
    Eines ist sicher. Dieser Mann wird jämmerlich zugrunde gehen und mit ihm, der verdorrte Zweig innerhalb der Schwarzen Zunft, welchen er sich über viele Jahre aufgebaut hat.
    Verräter.
    Sie strebten die Macht innerhalb der Organisation an, wie so viele vor ihnen zuvor. Letztendlich führte sie ihr Weg einige Etagen tiefer in das eigene kalte Grab. Jämmerliche Gestalten, die das Spiel nicht verstanden haben. Gebe was sie verlangen und nimm dir was du kannst. Doch strebe niemals die Kontrolle über eine derartige Organisation an, welche ihre ranghöchsten Mitglieder und Führer seit gefühlten Jahrhunderten immer sehr vorausschauend in die jeweilige Schlüsselposition setzte.
    Jaheem war der Schwarzen Zunft schon länger ein Dorn im Auge und sein Pakt mit Haus Arrántir führte letztendlich nur zum Untergang. So einen dilletantischen Schwarzsteinschmuggel hatte Rawhiti noch nicht gesehen.

    Die Frau neigt ihren Kopf, wie sie so am Fenster steht und auf Calpheons Dächer und Turmzinnen hinabblickt.

    Es ist gut, wenn Rhaida bald wieder einen klaren Kopf haben wird. Somit könnte die Hexe sie bald öfters für diverse Aufträge einsetzen die Rhaidas mitunter tödliche Fähigkeiten benötigen. Und solange Yara in Velia unter ihrer und Vareshs diskreter Aufsicht ein gutes Leben führt, steht dem nichts nennenswertes mehr im Wege.

    Nach diesen Ereignissen kann Rawhiti sich vorerst weiter auf ihre Ziele konzentrieren. Und mit dem Buch, welches ihr die kleine Kreatur vor einiger Zeit brachte, hatte sie eine nützliche Absicherung gefunden. Sicherlich waren in den Aufzeichnungen von Leles Erschaffer mehr selbstlöbliche Bekundungen und weiteres unnützes Geschwätz zu finden, als sinnvolle Niederschriften, doch das wenige was sie fand kombiniert mit ihrem eigenen Wissen brachte ihr einen gewissen lebensverlängernden Vorteil. Eine Opportunität welche ihre bisherigen Kräfte hervorragend komplementierte.
    Sie ist keine Elfe oder gar einer der letzten auf Erden wandelnden Vorzeitlichen, von denen man mehr hört als man je gesehen hat, doch es gibt andere Methoden. Eine davon hatte bereits Anwendung gefunden.
    Als Varesh unter bedauerlichen Umständen in Calpheon verschwand und von Rhaida nach Velia zurückgeführt wurde, bot sich diese Gelegenheit. Die Prozedur wäre nicht so einfach erträglich gewesen, doch Vareshs Körper war zu diesem Zeitpunkt mit Betäubungsmitteln förmlich durchflutet.
    Kurz nach Vareshs Rückkehr, begab sich die Madame zu ihrer Stellvertreterin auf das Zimmer. Der Anblick der sich Rawhiti bot, entsprach ganz dem Eindruck, welchen Rhaida in Calpheon von Varesh bekommen hatte. Die Frau wirkte verloren und desillusioniert. Noch dazu stand sie unter dem Einfluss von Rauschmitteln.

    Doch Varesh verstand sehr klar, was Rawhiti im folgenden Gespräch von ihr wollte. Die Hexe offerierte Varesh eine wichtige Aufgabe. Lebensfüllend. Ein neues Ziel. Etwas das diese Frau nun sichtlich brauchte. Und da Varesh, aus welchen Gründen auch immer, ein großes Interesse an ihrer Madame hatte, zögerte diese nicht, als Rawhiti ihr ein Fragment eines besonderen Steines in die Hand legte und Varesh offerierte, dass sie dieses Fragment von nun an ihn ihrem Körper tragen würde. Sollte jemals der Körper ihrer Herrin, sosehr Varesh das nie glauben wollen täte, vernichtet, so würde Rawhiti in ihrem Körper durch jenes Fragment weiterleben.
    Eine Sicherheit von vielen und eine weitere Notwendigkeit nachdem sie in direkte Kampfhandlungen, bei Cocos Befreiung aus den Händen von Arrántirs Söldnern, verstrickt wurde. Noch dazu hatte eine Walküre Elions einen Bruchteil der Fähigkeiten Rawhitis zu Gesicht bekommen. Die restlichen Anwesenden waren für die Hexe unerheblich.
    Unangenehmerweise erhielt sie bei dieser Auseinandersetzung auch noch die Pfeilspitze eines treffsicheren Bogenschützen zwischen ihre Rippen.
    In dieser Hinsicht war der verschwiegene, hauseigene Arzt der Möwe äußerst nützlich. Meister Tenzin erwieß sich als filigraner, als seine Erscheinung vermuten ließe. Er entfernte die, zwischen ihren Knochen, verkantete Pfeilspitze. So konnte der Körper der Hexe sein restliches Werk in Ruhe erledigen und die Wunde vollends verheilen lassen.

    Nachdem die Madame ihrer Stellvertreterin nun einige Hintergründe darlegte, unterzog sich Varesh ohne Umschweife des alchemistischen Rituales und führt seit diesem Zeitpunkt jenes Fragment, mit einem darin verankerten Teil von Rawhitis Seele, in dem knöchernen Konstrukt einer ihrer Wirbelkörper mit sich.


    Ein Seitenblick streift die Herrschaften der Bergbaugilde, welche nach wie vor ihre Köpfe diskutierend zusammengesteckt haben. Langsam und ruhig zieht Rawhiti die allmählich abgestandene Luft des Raumes in ihre Nase ein und lässt ihren Blick wieder aus dem Fenster gleiten.

    In einem Punkt wartet Rawhiti noch ab, wie sich dieser entwickeln wird. Die kleine Kreatur Lele scheint wohl ein Problem zu haben. Eine Komplikation, welche die derzeitig anwesenden Walküren Velias mitsamt der eigenwilligen Elfe angelockt haben. Anscheinend war ihre erste Einschätzung betreffend dieser Sommerwind korrekt.
    Die Elfe führt ihre Marionetten aus und hält die Fäden straff an sich. Anders könnte man sich diese stetige Anwesenheit in diversen Angelegenheiten nicht erklären. Zumindest wenn es zusätzlich nach den Berichten von Rawhitis Mitarbeitern geht.
    Doch man darf wohl gespannt sein, wie sich die Involvierten mit der Kreatur auseinandersetzen werden, welche sich an die Fersen von dem Wesen Lele geheftet haben und selbiges lauernd wie ein Rudel hungriger Wölfe beobachten. Sollte im Anschluss noch etwas von dieser Lele übrig bleiben, so wird Rawhiti jene vielleicht für mehr als nur für künstlerische Tätigkeiten heranziehen...


    "Madame Musou?",erklingt es aus dem Mund von einem der Gildenmeister. Die Angesprochene hebt den Kopf und wendet sich den Herrschaften zu. "Wir hätten hier etwas für Sie." ,folgt es aus dem Mund eines anderen. Rawhit nickt und tritt zu den Herrschaften heran. "Dann lassen sie mal sehen meine Herren.", erklingt ihre gewohnt distanziert, kühle Stimme.


    Xellesa Ceos - Rawhiti Musou - Varesh - Onizuca - Wuyae - Asmael Tiamat - Gixtah - Thelesa - Iliaz

    32 mal gelesen