Kausalität

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  • Kausalität

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    "Haltet Ihr das für eine gute Idee...?" Obgleich als Frage formuliert, schwang doch in den Worten des Arkanisten weder Wankelmut noch effektives Interesse über die Meinung seines Diskutanten mit. Er beleuchtete nur allzu nachdrücklich was er von diesem Entwurf einer Idee hielt, indem er die Missbilligung selbst, nahezu formvollendet Personifizierte. Der Arkanist war kaum ein paar Spannen bejahrter als er selbst und dennoch schickte er sich beharrlich an, ihn zu belehren. "Es gibt Menschen, die würden ein Vermögen zahlen, das hier zu sehen. Wieso nur...“ Beklagte sich der, ihm gegenüberstehende Mann „wieso kannst du nicht ein wenig wie die anderen Menschen sein? Sinding beschwert sich schließlich auch nicht." Lamentierte Raphael affektiert und gab zur Dramatik seines Befunds, einen weiteren tiefen Luftzug bei. Der Arkanist machte keine Anstalten, auf den zuvor getätigten Deut des Blonden einzugehen. Witzeleien gehörten nicht ins Repertoire des fortwährend verdrießlich dreinblickenden Mannes. Nicht zu Letzt gestaltete ihn seine Weigerung, sich an jedwedem Geschwätz über Sinding zu beteiligen, zu einer absoluten Spaßbremse. Während Ghaestek also allenfalls bei der systematischen Demontage desjenigen Menschen zusah, welcher ihm gegenüber weilte, kümmerte sich Raphael um dessen fortschreiten, unterdessen er den Gehalt einer kleinen, glashellen Phiole in seinen Mund kippte. Er hatte den Arkanisten nicht befragt, wie er dieses Gebräu geschaffen und mit welchem zauberischen Machwerk er es versehen hatte, um sich jener entschiedenen Wirkung zu bemächtigen. Weisheit erkannte man schließlich im Schweigen zur rechten Zeit. Innerhalb von einer Spanne… oder waren es zwei? Es hatte sich nun jedenfalls unstreitig eingestellt, was jener trügerische Luxus kostete. Ein Restrisiko blieb schlussendlich in finaler Konsequenz jeder Maßnahme bestehen, welche sich so folgenschwer gestaltete, dass sie ein Leben bis auf die Grundfesten dekonstruieren konnte. An dieser Tatsache, ließ sich auch mit optimalem Kalkül nichts ändern und die schlichte Akzeptanz unumstößlicher Gesetze der Kausalität, ermöglichten es dem blonden Probanden fortzufahren. In einem spiegelnden Rinnsal brackigen Regenwassers, welches seine Spur über den Kopfstein calpheonischer Gassen lockte, reflektierte Raphaels Gesicht wie ein fahles, abnehmendes Gestirn. Es fiel zunehmend schwer, die scharfen Kanten seiner Züge und die dunkler werdenden Schatten niederwärts seiner Augen unter dem Bart, oder den Ausläufern seines Haars zu verbergen. Jeder neue Schnitt, jede tiefere Schürfwunde hinterließ, sowie abgeheilt, ein Relikt ihrer Anwesenheit, entweder in Form einer abweichenden Hautfärbung, oder einer kleinen, weißen Narbe. Rudimente einer völlig natürlichen Reaktion, welche ihm jedoch bislang unbekannt geblieben waren. Während seine Finger das glasdünne Gefäß hielten, mühte es ihn ein wenig, das latente Zittern darin zu stabilisieren. Für einen flüchtigen Moment, betrachtete er seine Hand mit der Neugier eines Kindes, welches an der Schwelle der bewussten Wahrnehmung von, für Erwachsene gänzlich einleuchtenden Tatsachen stand. Sobald sich das Gemisch begann, im weit verzweigten Geflecht seines Körpers auszubreiten, erstarb jenes tiefliegende Schüttern jedoch und somit auch seine Aufmerksamkeit darauf. "Wie Ihr sicher selbst erahnen könnt, gibt es keinerlei Garantie für ..." Doch ehe der Arkanist weitere Bedenken anmelden konnte, hob Raphael die indessen etwas ruhiger stehende Hand um ihn zum Schweigen anzuhalten. "Deine Sorge ist sehr rührend, so viel Altruismus hätte ich dir gar nicht zugetraut. Nun ja – " knüpfte er hintenan " – genau genommen ist es ja vordem ein schlechtes Gewissen, aber wir wollen uns nicht in Bagatellen verrennen. Ich weiß, wie sehr du Kontrolle über dein Machwerk schätzt, allerdings hättest du dir dann besser einen anderen Probanden erwählt. Trotzdem bin ich neugierig – was hattest du erwartet, tue ich damit?" Letzteres deformierte Ghaesteks Mund zu einer dünnen, weißen Linie. "Eure Bereitschaft zur Selbstzerstörung ist annähernd unermesslich, doch ich hatte nicht vermutet, dass ihr damit einfach ins Blaue schießen würdet!" Das brachte den Anderen zum Lachen, kurz vor einem erneuten Rollenwechsel in ihrem Disput "Kennst du das Sprichwort? Katzen landen immer auf ihren Füßen. Dieser Umstand ist zu gleichen Teilen trostreich wie lästig." "Wärt ihr eine verdammte Katze, wäre er vielleicht trostreich!“ Raphaels Mund wand sich zu einem schrägen Feixen. „Genau genommen, könnte man die Gattung…“ „NEIN!“ Barst der Käferäugige Zauberkünstler in sein beginnendes Referat. „Nein, ich will nichts davon hören! Das ist vielleicht alles ein großer Spaß für euch –“ Am Ende seines Ausfalls angelangt, senkte sich Ghaesteks Stimme zu einem leisen Gemurmel. „Diese Misere steht uns irgendwann ins Haus und was tun wir, wenn es eskaliert und ihr in diesem Zustand seid?" Zur Illustration riss der Arkanist seine Arme aufwärts, wie ein Hausierer, der seinen neusten Ramsch der begierigen Kundschaft präsentiert. "Dein Vertrauen in meine Person, ist wie immer nahezu maßlos. Wenn du noch weniger an mir zweifelst, werde ich noch rot" "Ihr seid nicht ihr selbst, das müsst ihr doch begreifen" Zwei Hände ergriffen den hageren Zaubermeister an den Schultern und versetzten ihm einen fasslichen Ruck, als wollten sie ihn wachrütteln. "Mein teurer Ghaestek, die meisten Elemente fallen, wenn man sie aufwärts wirft und erwünscht, dass sie fliegen. Du bist fürwahr klug, doch gleichwohl hältst du noch an dem Gedanken fest, dass alles was man in die Luft schleudert, anfängt zu fliegen. Es ist die Überheblichkeit der Menschen zu denken, ihr Wille allein würde genügen alles zu kontrollieren, ohne es zu verstehen.“ Dies blies dem hochgegangenen Kerl den Wind aus seinen gehissten Segeln, während seine Antwort mehr wie die eines mosernden Jünglings ausfiel. „Ihr versteht doch auch nicht immer alles, wie solltet ihr den Ausgang dieser Lage nur prophezeien?“ Bemerkte er kärglich, als wolle er dem ganzen einen Makel aufnötigen. „Gewiss kann ich es nicht vorhersehen.“ Bemerkte der Andere gelinde. „Dein Problem ist nicht, dass du den Stein nicht fallen sehen kannst, sondern das du und alle die mich vermeintlich kennen, immer noch glauben, ich könne ihn zum fliegen bringen.“ Die Schultern letzthin befreiend, beurlaubte er den Arkanisten aus seinem Griff, ehe er die Finger zurück in die Hosentaschen stopfte. Eine Angewohnheit wie so viele andere, die zu keiner Zeit hinterfragt wurde, weil sie so banal war, wie die Spatzen auf den Dächern großer Städte. „Du kannst einem Stein, wider seine Natur, nicht das fliegen beibringen.“ „Das hieße doch erst recht, alles was ihr tut, wäre völlig sinnlos.“ Schloss der Angesprochene seine unabwendbare Konsequenz. „Was sehen wir, wenn wir die Ausgangssituation von Problemen dieser Art bedenken? Ich erkläre es dir: Wir sind nicht diejenigen, die den Stein geworfen haben. Wir haben nicht einmal gesehen, dass er geworfen wurde, bis wir hören, dass er im Begriff ist zu fallen und zwar direkt auf uns zu.“ Erörterte der stets so stoische Tonus des Blonden, während er sich tiefer in die Gasse bewegte, als wünsche er das Gespräch in privaterem Rahmen weiter zu führen. „Was tun wir also, wenn wir weder wissen woher er kommt noch wohin die Schwierigkeiten gehen? Ein gescheiter Mensch läuft und versucht so weit von der Einschlagstelle zu fliehen wie er kann, doch was ist, wenn derjenige der den Stein geworfen hat, genau weiß, wohin du fliehen wirst? Also kannst du auch das nicht mehr tun. Du weißt einfach nicht genug und du hast nicht die Zeit es herauszufinden denn, dass wäre deine nächste Antwort. Dinge aufzuspüren ist leicht, doch auch das weiß der Steinewerfer. Zudem kannst du den Stein nicht auffangen, denn das bedürfe mehr Kraft, als du aufwenden kannst. Bekenne also, dass sein Wissen um so Vieles umfangreicher ist als deines. Er kennt dich, deine Rückzugsorte, deine Methode, deine Hybris“ „Aber…“ Eine kurze Pause entstand, ehe der Arkanist sich zu seiner Erkundigung überwinden konnte „was~ tut ihr“ Ermittelte dieser im Anschluss zaghaft, als ahnte er die Antwort, ohne sie hören zu wollen. „ich verändere fundamentale Bedingungen unter denen der Stein geworfen wurde.“ „…Aber wie?“ Mittlerweile war die Stimme des Magiers kaum noch vernehmbar. Raphael Lächelte. „Ich versage.“
    ... Die Welt zerbricht jeden und nachher sind viele an den gebrochenen Stellen stärker ...

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