Abschiede

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  • Stille.

    Absolute Stille.

    Wochen waren vergangen seit dem Training im Hof der Burg. Sie kamen mir vor wie Jahre. Etwas platscht. Ein Topfen Flüssigkeit, der zu Boden fällt. Die Stille unterbricht. Und dann wieder.. die befreiende Stille. So wechselt es sich ab. Stille, Tropfen, Stille, Tropfen, Stille, Tropfen.
    Langsam hat sich eine Pfütze gebildet, denn das Platschen wird lauter. Wasser, das in eine größer werdende Pfütze tropft. Enervierend. Das Dach sollte repariert werden! Wofür haben wir so viele Bedienstete? Dann wieder.. Stille. Offenbar hat jemand den gedanklichen Ausruf gehört und das Loch in der Decke repariert. Seltsam.. es waren gar keine Hammerschläge zu hören. Und warum.. ist es so.. Warum starre ich die ganze Zeit die Wand an? Meine rechte Hand fühlt sich verkrampft an.

    "Danifae?" ..

    Jemand sagt meinen Namen. Ich kenne die Stimme. Sehr gut sogar.

    "Danifae?"

    Besorgnis schwingt in ihr mit. Und etwas wie befreiende Dankbarkeit.

    "Dani..? .. Alles in Ordnung? .. Bist du verletzt?"

    Verletzt? Ich blinzle. Warum sollte ich verletzt sein? Dann tropft es wieder. Das Auftreffen des Tropfens in sein höchst eigenes Reich von Pfütze ist nervtötend laut. Dann berührt mich jemand an der Schulter.

    "Danifae! .. Komm zu dir!" Diesmal war die Stimme befehlend. In einem Ton, der verriet, das sie das Befehlen gewohnt war.
    Natürlich. Mutter. Meine Mutter, Oberhaupt des Hauses de'Vir. Ich bin Danifae de'Vir. Ich blinzle. Wahrscheinlich zum ersten mal seit Minuten. Die Augen fühlen sich trocken an, brennen. Langsam senkt sich mein Blick, weg von der Wand - die seltsam schwarz wirkt. Verbrannt. Etwas blitzt auf im rechten peripheren Blickfeld. Langsam dreh ich den den Kopf und senke den Blick weiter - eine Schwertspitze! Meine Schwertspitze! Die Klinge ist rot. Es bildet sich wieder ein Tropfen an der scharfen langen Schneide. Fasziniert beobachte ich den Weg, den er nimmt. Langsam, mehr und mehr von der roten Flüssigkeit auf seinem Weg aufnehmend, dicker und größer werdend - bis er die scharfe Schneide an der rot getränkten Spitze des Schwertes verlässt und gen Boden fällt. Ich folge dem Fall mit den Augen - und beobachte die Landung in der roten Lache auf dem marmoriertem Boden. Kreisförmige Wellen löst das Auftreffen aus, expandiert die Pfütze ein klein wenig weiter. Und wieder dieses nervtötende Platschen. Dann kommt die Erinnerung an die letzten Minuten zurück. Das metallische Scheppern des Schwertes, das ich einfach los lasse, und mich auf den Absätzen umwende. Meine Mutter steht nun vor mir. Besorgnis und Erleichterung im Blick, als ich endlich reagiere. Sie lächelt sogar. Auch wenn es falsch wirkt in diesem Augenblick. Ich kann allerdings auch nicht anders, und auch auf meine Lippen setzt sich ein kurzes Lächeln. Dann drückt sie mich und murmelt ein 'Danke' an mein Ohr.

    Ich weis nicht, ob sie mir danken sollte.

    Ich fühlte mich eigentlich nur schlecht. Aber - hatte ich eine andere Wahl? Meine Schwester lag hinter ihr, mit dem Gesicht zu Boden. Eine immer größer werdende Lache Blut breitete sich unter ihr aus. Keine Regung ging mehr von ihr aus. Erst jetzt wurde ich mir der Umgebung gänzlich bewusst. Der Unordnung, der Zerstörung. Der Kampf war brutal gewesen.

    Ich habe meine Schwester getötet. Die Frau, mit der ich zusammen aufgewachsen bin. Mit der ich so viel geteilt habe. Zusammen gelernt, trainiert und Zeit verbracht habe. Mit der ich..
    Ich habe meine Schwester getötet. Langsam drücke ich Mutter von mir weg und dreh mich zur Seite. Die Übelkeit bahnt sich ihren Weg und verteilt sich auf dem Boden. Der ist ohnehin schon versaut denke ich bei mir.
    Sie legt ihre Hand auf meinen Rücken und schafft es noch meine Haare in Sicherheit zu bringen. Als wäre eine der Giftgaben zu hoch dosiert gewesen, die Vierna und ich ...
    Ich habe meine Schwester getötet.

    Die Tür fliegt in diesem Moment auf. Doch ich reagiere kaum darauf. Mutter auch nicht. Es sind unsere Soldaten. Vor der Tür kann man die beiden Toten Wachen vor Mutters Gemächern sehen, die von Vierna getötet wurden. Entsetzen und geweitete Augen blicken uns aus den Gesichtern der Wachen entgegen. Natürlich haben sie den Kampf gehört. Doch der Weg hier hoch ist weit - und die Wachen auf dem Weg waren alle tot. Sie ist wahnsinnig geworden. Hat sich einen Ahib Zirkel angeschlossen. Eine der Wachen kommt zu uns, und führt mich zusammen mit Mutter hinaus. Eine andere deckt Vierna's Leiche ab.
    Als meine Mutter die Situation schildert höre ich gar nicht mehr zu. Das alles wirkt so unecht auf mich. Wie ein schlechter Traum, aus dem man erwachen möchte. Erwachen Muss. Sie setzen mich auf eines der Sofa's im großen Saal. Ein Diener bringt mir Wein und eine Kleinigkeit zu Essen. Das Brot und Obst fasse ich nicht an, aber der Wein.. Ich war noch so geistesgegenwärtig und habe die kleine Phiole blauen Saftes zu mir genommen, die mir gestattet den Wein auch zu spüren.
    Mutter, ganz in ihrer Rolle als Mutter Oberin eines großen Hauses, organisiert alles weitere. Immer wieder blicken sie mich an, und Mutter stellt mir ein paar Fragen. Wo ich sie getroffen habe, wer alles dabei war - den Ahib Zirkel meint sie. Mechanisch antworte ich auf die Fragen. Mir ist klar, was ich damit auslöse, sind doch einige große Namen dabei. Aber ich schiebe die Implikationen beiseite. Es wird Bürgerkrieg geben. Die großen Häuser werden gegen die Verräter vorgehen. Die werden sich wehren. Anschuldigungen Abstreiten. Es wird.. Finster werden. Noch mehr Blut wird fließen. Mutter organisiert die Verteidigung. Schutzzauber und Banne werden aktiviert, die Truppen aus den Kasernen geholt, Mobil gemacht.

    All das nehme ich nur vage wahr. Ich sitze auf dem Sofa, trinke Wein. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf geht ist so dermaßen alles beherrschend, das er mein ganzes Leben auszufüllen scheint.

    Ich habe meine Schwester getötet.

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