Geschäft ist Geschäft

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  • Geschäft ist Geschäft

    In der Tanzenden Möwe zur Mittagsstund

    Es verging ein Jahr mit vielen Ereignissen, vielen Reisen und neuen Entscheidungen. Rawhiti Musou war ihrem Ziel nun ein Stück näher gekommen, vielleicht sogar noch näher als gedacht. Ihre neue finanzielle Einnahmequelle läuft hervorragend. Das Haus der Sinne"Zur Tanzenden Möwe", welches sie als Madame Musou leitet, spült der Hexe nun jeden Abend Silber in die Truhen.

    Der Weg dahin hat Zeit in Anspruch genommen, kostbare Zeit die sie vielmehr in ihre anderweitigen Bemühungen gesteckt hätte.

    Calpheon und die Schwarze Zunft waren ein Teil dieser Verzögerung.
    Wie gut es doch war, dass sich diese unglückliche Geschichte mit den Kopfgeldern, ausgestellt auf irgendwelche Bauernopfer, in wohlgefallen aufgelöst hat. Der Hintergrund der Kopfgelder und die einzelnen Verbindungen der Personen untereinander, sowie zum Hause Ceos erschienen ihr noch immer recht chaotisch.
    Doch sie mühte sich nicht damit ab Sinn und Zweck dieser Jagd zu ergründen. Es lag nicht in ihrem Interesse.
    Auch die Situation der fehlerhaften Qualität der geschmuggelten Schwarzsteine, welche unter anderem auch nach wie vor ihrer Aufmerksamkeit unterliegen, lies sich lösen. Statt Schwarzstein von der Bergbaugilde Calpheons, für die sie seit Jahrzehnten arbeitet, von den trostlosen Minen Keplans abzuzweigen, zapfte sie lediglich andere Minen an. Somit war der Schmuggel vorerst gerettet.
    Um wieder ungestört alleine ihren Zielen nachgehen zu können, entledigte sie sich ihrer, von der Schwarzen Zunft zur Seite gestellten Leibwächterin, Maze. Dies tat sie noch vor ihrer Reise nach Valencia. Mit den Worten die Gräfin Ceos habe bedeutungsvollere Aufgaben für die Leibwächterin, übersendete sie die ahnungslose junge Frau in die Hände der Gräfin. Rawhiti war sich sicher, dass die Gräfin Maze irgendeine Aufgabe zukommen lies. Und sei es, dass die Leibwächterin nun das Kindermädchen für das Kind von Tsatsuka Ceos mimen würde.
    Was letztenendes zutraf, erfuhr Rawhiti jedoch nie.

    In Valencia hatte Rawhiti genug Zeit ihren Gedanken nachzugehen. Trotz des Auftrages der Bergbaugilde, welche sie in ihre alten Heimatgefilde entsendete. Doch das Prüfen der Bücher und Bilanzen war kein Unterfangen, welches ihre Zeit lange in Anspruch nahm und so widmete sie sich zugleich ihren eigenen Interessen. Sie stellte Nachforschungen an und ging jeglichen Hinweisen und Legenden zu alchemistischen, magischen Zaubern und Verfahren nach, die sich in ihrer Form um die Erschaffung eines gewissen Stein der Weisen rankten.

    Und irgendwann war es soweit. Nach Monaten, als schon der Herbst in den westlichen Ländereien Einzug hielt, begab sie sich nach Velia. Ihr Ziel ein abgehalftertes Bordell in der ruhigen aber vom Handel erblühenden Hafenstadt. Nach ihrem Fehlschlag in Epheriaport erwies sich dieser Ort als wahre günstige Gelegenheit. Der wohl nennenswerte Vorteil dieser Stadt war, dass sie nicht so erbärmlich nach Fisch stank wie Epheriaport und sie sich nicht in Gefahr begab mit diesem Bordell in das Revier der Schwarzen Zunft einzudringen. Denn die Zunft mochte es durchaus nicht, wenn in ihren eigenen Reihen Unfrieden herrschte.
    Das Desaster in Epheriaport um den toten Bordellbesitzer Claudio, welcher für ein hohes Mitglied der Schwarzen Zunft arbeitete, wurde einer örtlichen organisierten, kriminellen Bande angehaftet, nachdem man einen abgetrennten Thunfischkopf auf dem Nachtlager des Verstorbenen fand. Die Botschaft war damals eindeutig. Claudio lag bei den Fischen und so war es auch.
    Missmutig verzieht Rawhiti einen Mundwinkel, als sich in diesem Moment der Gestank des Fisches in ihre Erinnerung schiebt. Sie war es damals, die den Kopf vom Fischkörper abtrennnte und diesen am vorgesehenen Ort plazierte. Doch die Mühe lohnte sich. Keiner würde die Schlüsse zu jemand anderen, als zu dieser Bande ziehen.

    Und nun war sie hier in Velia. Der alte Besitzer war dankbar um die von ihr angebotene Summe Silber und verschwand bald daraufhin, um sich irgendwo auf einer fernen Insel zur Ruhe zu setzen. Sie nahm die Frauen und noch eine Person, die scheinbar mit zum lebenden Inventar gehörte, doch sich immer wieder als nützlich erwies. Dieser Mann namens Onizuca gehörte zu jener Sorte verlorener Seelen, welche irgendwann an Land gespült wurden und sich mit dem Ort verwurzelten, an dem sie sich wohlfühlten.
    Den Frauen wurde die freie Entscheidung gelassen. Sie konnten für die neue Besitzerin unter besseren Umständen arbeiten oder sie hatten die Freiheit zu gehen. Menschen sind ersetzbar und Huren sowieso... doch vielleicht war es den Umständen zu verdanken, dass Rawhiti durch ihre alte Freundin Rhaida diesen noblen Zug zeigte und sich um das Wohlergehen der Damen bemühte. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass eine glückliche und gesunde Hure für ein besseres Geschäft und dem reichlichen Klimpern von Silber sorgen würde.
    Zwar hätte Rawhiti gerne ein allzu bekanntes Gesicht an ihrer Seite gewusst, doch mit Varesh fand sie eine würdige Stellvertretung als Geschäftsführung der Tanzenden Möwe, wenn sie Velia immer mal wieder verlässt. Eine befremdliche Schicksalsfügung führte die beiden Frauen zueinander, doch dies ist eine andere Geschichte.

    Das Schicksal musste sich wohl auch damals eigenartig gefügt haben, als die Hexe auf ihrer Reise nach Velia, des Nachts durch einen vernebelten Wald ritt und auf diese eigenwillige Kreatur traf. Eine Frau, so wirkte es auf dem ersten Blick. Und aus den Augen eines Menschen betrachtet würde der Schein auch gewahrt bleiben, doch diese Frau war nicht das was sie erschien.
    Rawhiti sah es.
    Diese Frau musste, so konnte es aus ihrer Sicht nicht anders begründet werden, das alchemistische Werk einer Person gewesen sein. Wer so etwas erschaffen kann, benötigt nach dem unumgänglichen Gesetz der Alchmie etwas von besonderer Kraft.
    Einen Stein der Weisen.
    So musste es sein, es könnte nicht anders funktionieren oder etwa doch?
    Die Kreatur jedenfalls schien schwach und krank. Sie hatte Angst vor Rawhiti. Nicht unbegründet. Denn das finstere Verlangen war voller Begierde, das wie die Schlangen einer gefrässigen Göttin, aus der Hexe empor gekroch.
    Das Wesen war von großem Nutzen und so hinterlies Rawhiti ihr einen kleinen dunkelroten Stein, welchen es immerzu bei sich tragen sollte und verlangte von der Kreatur namens Lele alles Wissen über das Werk ihres Erschaffers in Erfahrung zu bringen. Irgendwann würde die Hexe zu ihr kommen und dieses Wissen einfordern.
    Sie würde die Kreatur finden. Dafür hatte sie gesorgt.


    Mit ineinander verschränkten Fingern und entspannt zurückgelehnt am gemütlichen Polster ihres Sessels, sitzt die Frau im Büro ihres Geschäftes. Rawhiti geht ihren Gedanken nach und schaut dabei auf das Glas Rotwein, welches noch unangetastet vor ihr auf dem Tisch steht. Sie lässt die Erinnerungen und das Geschehene nocheinmal Revue passieren. Auch den gestrigen Abend, als Varesh zu ihr kam und diese Frau in ihr Büro brachte.

    Susi Sommerwind, wie sie sich selbst nennt. Vermutlich wählte diese Art der langlebigen Kreaturen jenen simplen Namen, um die um sich gescharrten menschlichen Wesen vor dem geistigen Zusammenbruch beim Hören und Aussprechen ihres eigentlichen Namens zu bewahren.
    Das diese Frau anders war, als der Rest der Bewohner in dieser Stadt, deutete ihr der Splitter bereits an, als er tief im Knochen ihres eigenen Wirbelkörpers wie ein immerwährender Blitz pulsierte.

    Welche Motivation findet ein Wesen wie dieses hier in solch einer Stadt? Vergeudetes Potenzial, wenn es nach Rawhitis Ansichten geht. Vielleicht erfreut sich diese Frau auch lediglich an ihrem menschlichen Spielzeug, welche sie scheinbar um jeden Preis, vor welchen Unglücken auch immer, schützen möchte. Auch ohne ihre Fähigkeiten konnte Rawhiti erkennen, welche der Gestalten wie unbeholfene, tapsige Welpen an der Leine dieser Frau hingen.

    Sie löst ihre Hände aus der Position um mit einer leichten Handbewegung das Glas heranzuziehen. Mit den Fingerkuppen hält sie den bauchigen Teil des Gefäßes locker in ihrer Hand und nimmt einen Schluck. Dieser Tropfen schmeckt tatsächlich. Varesh hat einen guten Wein eingekauft.

    Warum also suchte das Wesen sie auf? Der Sinn und Zweck der Unterredung war für Rawhiti vergeudete Zeit. Eine eigentlich von vornerein selbstverständliche "Geschäftseinigung" die keiner Aussprache bedurfte. Keiner schädigt dem Geschäft des anderen. Simpel, einfach und unmissverständlich. Warum also diese Zeitverschwendung?
    Hatte dieses Wesen etwa tatsächlich so etwas wie Sorge verspürt, dass die Hexe unsägliche Dinge in diesem Dorf und vielleicht auch mit den menschlichen Welpen der Frau anstellen würde und wollte vorab die Dinge versuchen zu klären?

    Lächerlich und unnötig, denn die unbeholfenen Welpen, wie auch diese Frau interessierten Rawhiti bei weitem nicht.

    Die Hexe legt die Stirn in Falten und wirft einen missbilligenden Blick auf das Glas, welches sie in der Hand hält. Ihre grünen Augen betrachten das Anwachsen ihrer spitzen Fingernägel und wie sich die Hand langsam zu einer schwarzen Kralle formt. Allmählich lässt sie den Rest ihres Armes von der gleichen schwarzen Substanz einnehmen. Kriechend als suche es seinen Weg. Wie eine düstere, glänzende Masse schiebt es sich wie eine zweite Haut vor. Dann verhärtet sich die Masse und liegt matt und dunkel auf Rawhitis Arm. Sie nimmt noch einen Schluck.
    Die investierte Zeit und Mühe im Umgang mit Blutmagie hat sich gelohnt. Nun hat sie bei Bedarf einen schützenden Panzer. Zwar heilen ihre Wunden dank des Splitters in ihrem Körper von selbst. Aber sie ist nicht unsterblich sollte sie eine Klinge oder eine Pfeilspitze jemals an der falschen Stelle treffen. Sie musste sich für alle Eventualitäten vorbereiten.
    Die Zeiten werden nicht einfacher, je näher sie an ihr Ziel zu kommen vermag.

    Sie führt das Glas erneut an ihre Lippen. Dabei fällt der Blick auf ein Buch, welches Varesh bei ihr im Büro vergessen hatte.
    Nicht vergessen. Varesh empfand, dass die Augen ihrer Herrin zusehr in Büchern mit zuvielen Zahlen vertieft waren und sie wollte ihr etwas Gutes tun. Aufdringen wohl eher so empfand Rawhiti. Varesh wurde einfach nicht müde ihr immer wieder zu erzählen wie spannend dieses Buch doch sei. Die Handlung ist einfach. Es geht darin um eine Frau, welche in einer dunklen Epoche der Geschichte ihr Leben dem Kampf, als Gladiatorin in einer Arena, gewidmet hat und über faszinierende Kräfte verfügt. Angeblich basiere dieses Buch auf einer wahren Geschichte.
    Rawhiti neigt den Kopf leicht, um auf dem Buchrücken den Titel lesen zu können. "Ruhm und Ehre".
    Die Hexe schüttelt den Kopf und widmet sich wieder ihrem Wein. Bislang läuft das Geschäft zu ihrer Zufriedenheit. Auch das neue Mädchen Coco scheint sich eingelebt zu haben und verzeichnet bereits einen gut gefüllten Kalender. Sie war also eine lohnende Investition.
    Als nächstes wird sie sich Meister Tenzin ansehen, welchen sie auf Empfehlung eines der Mädchen nach Velia bestellte. Nach ihrer Ansicht könnte es nicht schaden einen guten Heiler im Hause zu haben, welcher regelmäßig ein Auge auf die Gesundheit der Frauen hat.

    Und so stellt sie das nun leere Glas auf ihrem Tisch ab und ruft nach Varesh.



    Xellesa Ceos - Rawhiti Musou - Varesh - Onizuca - Wuyae - Asmael Tiamat - Gixtah - Thelesa - Iliaz

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